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Zappelnd in die Freiheit

emi Bleckede. 23 Kilogramm junger Aale, jeder von ihnen nur wenige Zentimeter lang und rund 4 Gramm schwer, winden sich in einem großen Bottich an Bord der „Otto Lühr“. Richard Kruse vom Angelsportverein Bleckede erklärt ihr Aussetzen kurzerhand zur Chefsache, niemand anderes darf die Tiere mit dem Eimer aus dem Bottich schöpfen: Um Punkt 10 Uhr gibt der erfahrene Angler die erste Ladung der zappelnden Fische vorsichtig in die Elbe beim Bleckeder Hafen – blitzschnell schwimmen die kleinen Aale in die Freiheit.

Hintergrund der Aktion, während der nicht nur in Bleckede, sondern an mehr als 100 Stationen zwischen Schnackenburg und Geesthacht etwa 137 000 Jungaale mit einem Gesamtgewicht von rund 547 Kilogramm ausgesetzt werden, ist der, dass die Bestände des europäischen Aals überall in Europa seit Jahrzehnten erheblich zurückgegangen sind – Fachleute sprechen von einem Rückgang um 90 Prozent in den vergangenen Jahren.

Um dem entgegenzuwirken, koordiniert die Landwirtschaftskammer (LWK) Niedersachsen seit 2006 die Besatzaktion. Sie wird von der Gemeinschaftsinitiative Elbfischerei durchgeführt, in der Angler und Berufsfischer zusammenarbeiten, findet in diesem Jahr also schon zum achten Mal statt. „Wir haben die Hoffnung, den Bestand so zu stützen und wieder aufzubauen“, sagt Christina Hiegel, Fischereiberaterin beim LWK. „Aber das ist eine Generationenaufgabe. Es könnte nach einer theoretischen Berechnung noch 60 bis 80 Jahre dauern, bis der Bestand wieder voll aufgebaut ist.“

Die Elbe gilt mit ihrer Vielzahl an Neben- und Auengewässern und den guten Röhricht- und Wurzelstrukturen laut LWK als idealer Fluss für die Besatzaktion. Hiegel zählt einen weiteren Pluspunkt auf: „In diesem Fluss gibt es nur ein Querbauwerk, nämlich das Wehr in Geesthacht.“ Das heißt: Bei ihrer späteren Wanderung zurück ins Meer müssen die Aale nur eine große Hürde überwinden. Ansonsten gibt es kaum Hindernisse.

Etwa 9.40 Uhr war es, als gestern Gerhard Götting mit seinem speziellen Fischtransportfahrzeug am Bleckeder Fähranleger ankam. Vier Behälter voller kleiner Aale – mehr als 30 000 pro Behälter – hatte der Chef einer Aalfarm in Cloppenburg geladen.

Gekauft hat Götting die Tiere als sogenannte Glasaale im Januar in Frankreich, „da wogen sie gerade einmal ein Drittel Gramm“. Vier bis fünf Monate päppelte der 62-Jährige die Fische anschließend auf seiner Farm auf, bis sie rund vier Gramm wogen. Die Wassertemperatur bei der Aufzucht betrug laut Götting 27 Grad – so warm ist die Elbe natürlich nicht. An diesem sonnigen Donnerstag hatte sie „nur 16 Grad, deshalb werden die Setzlinge heruntergekühlt, bevor wir sie in den Fluss geben“.

Über den Erfolg der Besatzaktion sagt Lutz Röding vom Angelsportverein Bleckede: „Wir sind im Großen und Ganzen zufrieden. Ab und zu fangen wir schon untermaßige Aale.“ Und der Erfolg kostet: laut LWK 43 000 Euro. Rund 60 Prozent werden von der EU und dem Land Niedersachsen getragen. Die verbleibenden 40 Prozent werden von der Deutschen Umwelthilfe sowie Fischern, Anglern und Fischereirechtsinhabern der Gemeinschaftsinitiative Elbefischerei bezahlt. Ähnliche Aktionen finden auch in den anderen Elbanrainerländern, zum Beispiel Brandenburg, Schleswig-Holstein und Sachsen-Anhalt, statt. Insgesamt werden nach Abschluss der Aktion rund drei Millionen Jungaale in die Elbe gesetzt worden sein.