Donnerstag , 29. September 2016
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Schreck oder Schmeichler?

off Lüneburg. Es ist sein 86. Tag im Amt, 19.34 Uhr, Christian Meyer betritt den Saal der Ritterakademie. Mehr als 200 Zuhörer warten auf ihn, Tier- und Naturschützer, Gentechnik-Gegner, Bürgerinitiativen, Ökobauern, alternative und konventionelle Landwirte, Vertreter des Bauernverbandes. Alle haben schon viel über den 37-Jährigen gehört, den ersten grünen Landwirtschaftsminister Niedersachsens, den Bauern-Schreck und Bauern-Schmeichler. Jetzt wollen sie sich bei seinem ersten Besuch in Lüneburg selbst ein Bild machen, hören, was er zu sagen hat über Tierschutz, Ökologisierung und Agrarwende, wissen, was er nun ist: Schreck oder Schmeichler. Meyer kennt die Erwartungen. Und er weiß: Er kann mit seiner Landwirtschaftspolitik überzeugen. Nicht nur die Ökobauern.

Eingeladen hat den Minister ein breites Bündnis alternativer Verbände, Thema des Abends „Die Politik der neuen Landesregierung für eine sanfte, aber klare Agrarwende“. Viele der Zuhörer setzen große Hoffnungen in Meyer, erwarten von ihm, „dass er endlich Schluss macht mit industriellen Mastanlagen, Mega-Schlachthöfen und Agrarindustrie“. Andere hingegen sehen die rot-grüne Agrarwende skeptisch, fürchten noch strengere Umweltauflagen, eine noch restriktivere Genehmigungspraxis und eine Schwächung der niedersächsischen Landwirtschaft.

Meyer selbst hat in den vergangenen 86 Tagen als Minister mit beiden Parteien gesprochen und ist vorbereitet. Er hat Antworten auch auf kritische Fragen, kann erklären, wie er die vielen neuen Anreizprogramme für mehr Tier- und Umweltschutz bezahlen will und warum er glaubt, dass die Verbraucher in Deutschland für fair-erzeugte Lebensmittel auch mehr Geld ausgeben werden.

Dabei zitiert der Holzmindener auch schon mal einen Satz aus dem Tierschutzplan seines Vorgängers, gesteht Fehler bei der Energiewende offen ein und ist Realist genug, um zu erkennen: „Viele Maßnahmen, die wir umsetzen wollen, gehen nicht von heute auf morgen, sondern brauchen Zeit“. Oder: „Es ist nicht der Wunsch der Landwirte, auf immer größere Tierzahlen zu setzen, sondern das ist die Folge von Fehlpolitik der vergangenen Jahre.“ Am Ende überzeugt er damit nicht alle Skeptiker unter den Landwirten, aber einige. Außerdem räumt er mit einem Vorurteil in dem Saal auf: Christian Meyer, der Bauern-Schreck.

Niedersachsens Landwirtschaftsminister bemüht sich um Dialog, betont: „Es geht uns nicht um das Gegeneinander von öko und konventionell.“ Eines seiner Hauptziele sei vielmehr, die 40 000 kleinen und mittelständischen Familienbetriebe Niedersachens in den Mittelpunkt der Förderung zu stellen.“ Nicht mehr Nordmilch und Nordzucker, sondern Milcherzeuger und Rübenanbauer zu fördern. Versprechen, die ihm an diesem Abend tosenden Applaus sichern – auch aus den Reihen der konventionell-wirtschaftenden Bauern.

Für seine Agrarwende will Christian Meyer „auf Anreize setzen“, weniger auf Zwang. Das kommt bei vielen Landwirten an, hat ihm aber auch den Vorwurf eingehandelt, nach der gewonnenen Wahl plötzlich zahm geworden zu sein. Unbestritten ist allerdings: 86 Tage nach seinem Amtsantritt ist es dem grünen Landwirtschaftsminister bereits gelungen, Tierschützer, Ökobauern, Schweinemäster, Milcherzeuger, Wähler von CDU und Grünen zusammenzubringen – zu einem Dialog über die Landwirtschaft der Zukunft.

Zum Besuch und zur Diskussion mit dem Minister aufgerufen hatten die Regionalverbände der Arbeitsgemeinschaft bäuerliche Landwirtschaft (AbL), Bioland e.V., BI Bäuerliche Landwirtschaft statt Agrarindustrie Gerdau, Bündnis für gentechnikfreie Landwirtschaft, Bürgerinitiative Region Dahlenburg, Bundesverband Deutscher Milchviehhalter (BDM), Deutscher Tierschutzbund, Landesnetzwerk Bauernhöfe statt Agrarfabriken.

Das Interview der Woche mit dem Minister finden Sie am Freitag, 24. Mai, in der LZ.