Mittwoch , 28. September 2016
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Lüneburgs kostbarstes Gebirge

ca Lüneburg. An der Neuen Sülze ist Lüneburg eine Stadt in den Alpen. Im ersten Stock des Hauses Nummer 2 zeigt eine mehr als eineinhalb Jahrhunderte alte Tapete einen Blick über den Vierwaldstätter See. Das Haus von Rotraut und Prof. Dr. Egbert Kahle bot eine gelungene Kulisse für eine Bilanz: Das Landesamt für Denkmalpflege und die Deutsche Stiftung Denkmalschutz erklärten, wie lieb und teuer ihnen der Denkmalschutz in Niedersachsen ist. Die Kahles profitieren von der finanziellen Förderung, ohne sie wäre die gerade laufende Restaurierung der Tapete gar nicht möglich. Auch wenn Kahles keine Summe verraten wollen, die Kosten der Arbeiten dürften im fünf-, wenn nicht gar im sechsstelligen Bereich liegen.

Dr. Reiner Zittlau vom Landesamt für Denkmalpflege berichtete, dass im vergangenen Jahr 1,94 Millionen Euro an Landesmitteln in den Denkmalschutz geflossen seien, 173 „Maßnahmen“ seien bezuschusst worden. Dazu kommen weitere 1,78 Millionen für neun Kulturdenkmale von nationaler Bedeutung, wie die Sanierung und Restaurierung des Lüneburger Rathauses. Der Bund hat insgesamt vier Millionen Euro überwiesen, dazu kommen drei Millionen von der Europäischen Union für Baudenkmale im ländlichen Raum. Auch die Deutsche Stiftung Denkmalschutz hat ihre Schatulle geöffnet, sie förderte zwischen Harz und Heide rund 40 Objekte mit insgesamt einer Million Euro. Geschäftsführer Dr. Wolfgang Iller sagte, 2013 fließe wieder Geld nach Niedersachsen, mit einer Million Euro wolle man rund 30 Baudenkmale unterstützen, auch die Restaurierung der Tapete im Haus der Kahles.

Iller und der Präsident des Landesamtes, Dr. Stefan Winghard, unterstrichen, wie wichtig neben der öffentlichen Förderung von Baudenkmalen vor allem das private Engagement sei. „Ein Denkmal muss getragen und geliebt werden“, sagte Winghard. Denkmalschutz als Idee sei aus bürgerschaftlichem Engagement im 19. Jahrhundert entstanden – aus dem Selbstbewusstsein der Bürger gegenüber dem Adel. Nach dem Zweiten Weltkrieg sei der Erhalt historischer Bauten ein Kontrapunkt gegen die „Unwirtlichkeit unserer Städte“ gewesen. Damit erinnerte Winghard an den programmatischen Titel eines Mitte der 60er-Jahre erschienenen Buches des Psychoanalytikers Alexander Mitscherlich.

Die Denkmalschützer unterstrichen, dass die Fördermittel Wirtschaftsförderung für das Handwerk seien, jeder investierte Euro werde verfünf-, wenn nicht gar verzehnfacht durch Stiftungen und Kommunen, die ihre Denkmale pflegen, aber auch durch private Hausbesitzer. Stadtbaurätin Heike Gundermann verwies neben dem kulturellen Aspekt auf wirtschaftliche Vorteile: Lüneburg besitze mittlerweile rund 1500 Baudenkmale und einen uralten Stadtgrundriss, beides gehöre zum „Kapital der Stadt“. Denn das Denkmal Lüneburg lockt reichlich Gäste, die Geld in den Geschäften der Stadt ausgeben.

Das Haus der Kahles, dessen Fassade sich elegant an der Neuen Sülze erhebt, ist ein Teil dieses Gesamtdenkmals. Voraussichtlich im September sollen die Arbeiten an der Tapete abgeschlossen sein. Es wird kein Schatz sein, den nur das Ehepaar genießt. Denn die Kahles laden häufiger Gäste zu kulturellen Veranstaltungen ein – das ist guter Bürgersinn.