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Erst in Haft, dann in Therapie

rast Lüneburg. Er besuchte eine Berufsschule, hatte eine Wohnung und mit 460 Euro Schüler-BAFöG und 180 Euro Kindergeld auch Bares. „Damit sollte ein 23-Jähriger klarkommen“, hielt Matthias Steuernagel, Vorsitzender Richter der 2. Großen Strafkammer am Landgericht, dem Angeklagten vor. Am 30. August 2012 wurde der junge Mann aus der Jugendhaft entlassen, er hatte wegen eines Tankstellenüberfalls gesessen. Steuernagel: „Doch ruck, zuck waren Sie wieder drin in der Haltlosigkeit Ihres Lebens.“ Schnell griff er wieder zu Alkohol, Marihuana und Kokain. Um seine Dealer bezahlen zu können, raubte der 23-Jährige – nicht einmal drei Monate nach seiner Entlassung – im November gleich zwei Mal die HEM-Tankstelle Vor dem Neuen Tore und am 11. Dezember die Esso-Tankstelle an der Bleckeder Landstraße aus. Die Quittung dafür gab’s gestern: Die Strafkammer verurteilte den Lüneburger zu sechs Jahren Haft und ordnete seine Unterbringung in einer Entziehungsanstalt an.

„Ich bin mir im Klaren über die Schwere der Taten, die ich begangen habe. Ich bin an einem Punkt in meinem Leben angekommen, wo ich wirklich was verändern möchte.“ Mit den Worten zeigte der 23-Jährige Reue, die ihm die Richter glaubten. Er hatte sich auch glaubhaft bei den Mitarbeitern der Tankstellen entschuldigt, die er maskiert überfallen, in den ersten beiden Fällen mit einem mit Pfefferspray geladenen Schreckschussrevolver und im dritten Fall mit einer ungeladenen Schreckschusspistole bedroht hatte. Seine Beute: insgesamt etwas mehr als 1800 Euro. Mit dem Geld beglich er Drogenschulden und kaufte sich Marihuana und Kokain.

Der psychiatrische Gutachter Dr. Frank Wegener hatte bei dem Angeklagten wegen dessen Hang zu Drogen und Alkohol eine erheblich verminderte Schuldfähigkeit nicht ausgeschlossen. Daher ordnete das Gericht die Unterbringung im Maßregelvollzug an. Das heißt im Klartext: Der 23-Jährige, der seit fünf Monaten in Untersuchungshaft sitzt, den aber noch eine widerrufene Bewährungsstrafe von sechs Monaten erwartet, wird nun von den sechs Jahren im Vorwegvollzug lediglich ein Jahr im Gefängnis verbringen, kommt dann in die Therapie. Gibt es keine Zwischenfälle, ist er in drei Jahren wieder auf freiem Fuß.

Richter Steuernagel machte dem Mann aber auch deutlich: Begeht er nach seiner Entlassung erneut Straftaten, droht ihm bei seiner kriminellen Karriere sogar die Sicherungsverwahrung.

Die Strafkammer hielt dem jungen Mann das Geständnis zugute. In zwei von drei Fällen wäre er allerdings auch ohne dies verurteilt worden, zu klar waren die Beweise. Nach dem dritten Überfall wurde er von einer Streifenwagenbesatzung gestoppt, hatte die rund 900 Euro Beute zerknüddelt in seinen Hosentaschen. Und nach dem zweiten Überfall wurde in Tatortnähe eine Wollmütze entdeckt mit DNA-Spuren, laut einem Gutachten passt die DNA – rein statistisch gesehen – unter 213 Trillionen Männern nur zu ihm.

Das Urteil ist rechtskräftig.