Aktuell
Home | Lokales | Die Quadratur des Kreises
3274744.jpg

Die Quadratur des Kreises

ahe Lüneburg. Läuft an den Gymnasien im Lande auch in den nächsten Jahren alles weiter wie bisher oder gibt es doch die Rolle rückwärts? Kurzum: Bleibt es bei G8 und dem Abitur nach zwölf Schuljahren oder heißt die Zukunft wieder G9 und Abi nach 13 Jahren? Um diese Frage wird es am Montag, 10. Juni, gehen. Für den Tag hat Kultusministerin Frauke Heiligenstadt (SPD) nach Hannover eingeladen. Zu den rund 30 Teilnehmern des als „ergebnisoffener Dialog“ angekündigten Gesprächs zählt der Lüneburger Dieter Stephan. Der Schulleiter des Gymnasiums Oedeme sitzt als Vorsitzender der Niedersächsischen Direktorenvereinigung mit am Tisch.

Bekanntlich hatten CDU und FDP das Turbo-Abitur eingeführt. Nach dem Regierungswechsel im Januar hatte Rot-Grün signalisiert, dass es eine Rückkehr zur alten Regelung geben könnte. Denn viele Schüler und deren Eltern klagen über gewachsenen Lernstress und geschmolzene Freizeit.

Die Leiter der sechs Lüneburger Gymnasien haben bereits das Für und Wider beider Möglichkeiten besprochen. Einigkeit besteht darin, dass es eine einheitliche Lösung geben soll – nicht nur in Lüneburg, sondern möglichst landesweit. Denn dass in einem Landkreis das Abi nach zwölf Jahren und im Nachbarkreis möglicherweise nach 13 gemacht werden soll, können sie sich nicht vorstellen. „Wir werden alles daran setzen, um das zu verhindern. Das würde zu permanenten Diskussionen über die Vor- und Nachteile der jeweiligen Modelle führen“, ist Stephan sicher.

Unterschiedliche Meinungen scheint es dagegen unter den Lüneburger Direktoren darüber zu geben, ob nun G8 oder G9 der richtige Weg für die Zukunft ist. Zwar mag sich Stephan dazu nicht explizit äußern, sondern verweist darauf, dass letztlich die jeweiligen Schulvorstände die maßgeblichen Gremien seien, doch er deutet an, dass es je nach Zusammensetzung der Schülerschaft eher Tendenzen zu G8 oder eben G9 gibt: „Wer mehr Schüler aus einem sozial schwächeren Umfeld und bildungsferneren Familien hat, spricht sich vielleicht eher für G9 aus als derjenige, der viele Schüler aus Akademikerfamilien hat.“

Während sich Philologenverband und Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft in Niedersachsen bereits für eine Rückkehr zu G9 stark gemacht hätten, sei das Meinungsbild unter den Leitern der Gymnasien differenzierter – auch in Lüneburg. „Wir haben zum Beispiel auch über eine Zwischenlösung diskutiert, die Möglichkeit, dass nur das erste Halbjahr der 11. Klasse der Vorbereitung auf die Oberstufe dient, die Schüler im 13. Jahrgang im Januar prinzipell durch wären mit dem Unterricht und sich nur noch ein Prüfungssemester anschließt“, erklärt Stephan. „Vor dem Hintergrund des Zentralabiturs ginge das aber nur mit einer landesweit einheitlichen Lösung.“

Einig seien sich die Lüneburger Direktoren aber in ihrem Zwischenfazit, dass das Schulleben durch das Turbo-Abitur stark gelitten habe. „Die Teilnahme an Chören, Theatergruppen und Arbeitsgemeinschaften am Nachmittag ist von Schülern ab dem 7. Jahrgang mit der dann deutlich zunehmenden Wochenstundenzahl stark zurückgegangen“, sagt Stephan.

Er selbst tendiere im Übrigen zur alten G9-Lösung und sei quasi geläutert. Denn vor seiner Oedemer Zeit hat er eine deutsche Schule in Portugal geleitet, wo das Abitur nach zwölf Jahren Standard war. „Deshalb habe ich, als ich 2002 nach Lüneburg kam, G8 auch hier für ein machbares Modell gehalten.“ Inzwischen sehe er das anders. „Denn im Gegensatz zu den anderen europäischen Ländern, in denen es schon in der Oberstufe eine deutliche Spezialisierung gibt, hat in Deutschland die allgemeine Hochschulreife mit einer guten Allgemeinbildung eine lange Tradition, die nicht zu unterschätzen ist.“

Auch gesellschaftliche Rahmenbedingungen hätten sich geändert. Das Argument der Turbo-Abi-Befürworter, dass Akademiker früher für den Arbeitsmarkt gebraucht würden, sei unter anderem durch den Wegfall der allgemeinen Wehrpflicht entkräftet. Ratschläge, die Lehrpläne für G8 zu entrümpeln, ziehen für Stephan nicht. „Das hieße ja, da gibt es Gerümpel. Das sehe ich nicht so. Wenn wir die Schüler zum Beispiel in Mathe so weit bringen wollen, dass sie Analysis anwendungsbezogen beherrschen, braucht es dafür auch richtig viel Lernzeit. Als Schulen stehen wir mit G8 quasi vor der Quadratur des Kreises: Wir sollen immer mehr Kinder zum Abitur führen, das aber in einer verkürzten Schulzeit. Damit stoßen wir an Grenzen.“

Noch ist offen, was das erste Gespräch am 10. Juni bringen wird. Angedeutet habe die Ministerin, dass sie das Schulgesetz womöglich zum 1. August 2014 ändern will. Dass G9 an den Finanzen scheitert, glaubt Stephan nicht. „Zumal bei den Gesamtschulen argumentiert wurde, dass man durch die Rückkehr zum Abitur nach 13 Jahren zunächst ja sogar Geld spart, weil weniger Wochenstunden erteilt werden müssen und es erst dann teurer wird, wenn der erste 13er-Jahrgang wieder an der Schule ist.“