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Alles will errungen sein

oc Bardowick. Erreicht der Mensch ein hohes Alter, schrumpft in der Regel der Radius, in dem er sich bewegt. Das ist dem Lauf der Zeit geschuldet. Bei Künstlern ist oft zu beobachten, dass im Schaffensherbst die Formate kleiner, die Mittel einfacher werden. Es bricht die Zeit der Essenz an. Wertvoll wird es, wenn spürbar die Neugier erhalten bleibt und die Lust daran, das Leben auf den Wegen der Kunst auszuloten. Genau das ist bei der Bardowicker Malerin Ruth Himmelmann zu beobachten. Sie hat im vergangenen Jahr die runde 80 erreicht, und weil gut Ding Weile braucht, gilt ihr jetzt in ihrer Wahlheimat eine Doppelausstellung, im Dom und nebenan in der Samtgemeinde. Dort zeigt sie im Sozialraum und auf dem Flur eine ganze Reihe jüngerer Arbeiten zum ersten Mal.

Es handelt sich um kleine, in großer Zahl entstandende Blätter, Zeichnungen, die spontan und skizzenhaft daherkommen. „Fast szenisch“ nennt sie Laudator Roland Struensee, „spielerische Capricen zwischen Humor und Nachdenklichkeit“. Ruth Himmelmann kommentiert damit den Alltag, geht Gedanken und Fantasien nach und auch dem Zeitgeschehen („Wind von Fukushima“). Diese mit Feder und Farbstiften entstehenden Arbeiten bilden Zusätze zu ihrem Kernwerk, das vor allem im Dom zu sehen und zu begreifen ist.

Ruth Himmelmanns Kunst ist eine, die immer den tiefen Fragen menschlicher Existenz nachgeht und immer eine sehr persönliche. In nahezu jedem Bild ist ein Ringen um Form und Inhalt zu spüren, auf dass die Dämonen zu Kobolden werden, die Nacht zum Tag, die Angst zu Frieden, der Zweifel zu Zuversicht. Die Bilder tragen in zurückhaltender Farbigkeit häufig christlich deutbare Chiffren mit sich – Vogel, Fisch, Schiff, Kreuz, Sonne. Mit Schraffuren, Liniengetümmel, ausgezackten, emporschießenden Konturen und Flächen in Überlagerungen wird der Kampf um jedes Werk, um jeden Gedanken sichtbar. Das sind keine bequemen Bilder.

Ruth Himmelmann erhielt 2007 den Dr.-Hedwig-Meyn-Preis der Stadt Lüneburg, sie ist seit 1996 Ehrenbürgerin von Bardowick, sie bekam 1995 den Kulturpreis des Landkreises. Das liegt an der Qualität ihrer Kunst und auch an ihrem Engagement. Sie mischte sich im Flecken Bardowick ein, holte 2005 den renommierten Maler Jerry Zeniuk in seinen Geburtsort. Wie Zeniuk, der 1946 als Kind ukrainischer Flüchtlinge in einem Bardowicker Lager geboren wurde, brachte der Krieg Ruth Himmelmann nach Bardowick. Sie kam als Kind, ihr Hamburger Elternhaus war zerbombt. Das ist 70 Jahre her, das Trauma nie ganz verwunden. Auf einem Selbstporträt, das sie im September 2001 unter dem Eindruck des 9/11-Terrors in den USA grau in grau malte, sind die rauchenden Trümmer auch die eigenen. „Erinnerung und Gegenwart“ heißt das Bild – ein stilistisch nicht, aber inhaltlich typisches Bild für die zumindest bipolare Kunst der Ruth Himmelmann.

Seit 60 Jahren ist sie nun freie Künstlerin. Ihr Vater Albin Ruppe, ein Holzbildhauer, hatte sie auf den Weg gebracht, und der Lüneburger Künstler Otto Brix, an dessen 113. Geburtstag Ruth Himmelmanns große Ausstellung eröffnet wurde – mit Grußworten von Samtgemeindebürgermeister Heiner Luhmann, Bürgermeisterin Eva Köhler und Pastorin Christiane Plöhn. Zu sehen sind Werke seit 1952 – die sehr gründlich überlegte Ausstellung hat also retrospektiven Charakter.

Zu sehen sind die Bilder im Dom bis 2. August täglich von 10 bis 17 Uhr. Die umfassende Ausstellung in der Samtgemeinde öffnet Montag, Dienstag, Donnerstag und Freitag von 8 bis 12 Uhr, donnerstags zusätzlich von 15 bis 18.30 Uhr.