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Theater statt Trauerfeier

emi Lüneburg. Aus der Halle, in der normalerweise Särge aufgebahrt sind und Menschen um Verstorbene weinen, dringt lautes Gelächter und Musik. Rund 70 Erst- und Zweitklässler der Heiligengeistschule sitzen dicht an dicht auf dem Fußboden vor einer Bühne in der Trauerfeierhalle des Bestattungshauses Pehmöller. Schauspieler Thomas Pohle vom Wunderland-Theater erzählt, besingt und spielt im Stück „Mit Großvater über die Meere“ das Leben eines Mannes von dessen Fahrenszeit als Schiffsjunge bis zu seiner letzten großen Reise. Die Schüler sollen so spielerisch an die ernsten Themen Tod und Trauer herangeführt werden, erklärt Bestatter Friedrich-Wilhelm Oberheide: „Theater ist ein wunderbares Instrument, um die Sprachlosigkeit zu durchbrechen.“

Während die Kinder noch unruhig auf ihren Knien hin- und herrutschen und tuscheln, beginnt unvermittelt die Erzählung: „Manchmal ist es gut, wenn man eine Taschenlampe dabei hat, zum Beispiel, wenn das Licht ausgeht oder man etwas auf Großvaters Dachboden sucht“, sagt Pohle. Das Licht geht aus und gleichsam aus dem Nichts taucht hinter ihm im Schummerlicht ein Dachboden auf. Von dort aus nimmt der Schauspieler Kinder und Erwachsene mit auf eine rund 50-minütige Reise bis zu dem Tag, als der Großvater Husten bekommt und sich schließlich in einem Brief von seinen Enkeln verabschiedet.

Am Ende des Stücks, als das Saallicht wieder angeht, bleibt Pohle vor den Schülern stehen, gibt ihnen Gelegenheit, Fragen zu stellen. Dem Betriebsleiter des Bestattungshauses, Friedrich-Wilhelm Oberheide, ist dieser Dialog wichtig: „Wir wollen mit dem Angebot Kindern Gespräche über Tod und Trauer ermöglichen, für die in unserem hektischen Erwachsenenalltag keine Zeit ist.“ Während der Fragerunde tauchen die Themen dann aber gar nicht auf, die Jungen und Mädchen reden lieber übers Schifffahren.

Erst ein wenig später, als Schauspieler Thomas Pohle sich nach der anstrengenden Vorstellung auf einem Stuhl den Schweiß von der Stirn tupft, nähert sich ihm vorsichtig die kleine Lisa: „Was ist am Ende mit dem Großvater passiert?“, will die Achtjährige wissen. „Der ist gestorben“, antwortet Pohle ganz selbstverständlich. Lisa ist mit der Antwort zufrieden und gesellt sich wieder zu ihren Mitschülern.

Oberheide ist seit 18 Jahren Bestatter und hat die Erfahrung gemacht: „Kinder werden oft aus falschem Schutz nicht zu Beerdigungen mitgenommen, aber die Sorgen sind nicht nötig.“ Ab dem Vorschulalter dürfe man ihnen so etwas schon zumuten, denn: „Wenn die Kinder ihre Oma im Sarg nochmal anfassen dürfen, verstehen sie den Tod viel besser.“ Das Theater durch seine Unmittelbarkeit unterstütze optimal die Botschaft, die er vermitteln will: „Geh hin, schau mal.“

Für den 53-jährigen Bestattermeister steht fest: „Wenn wir den Tod begreifen wollen, dann müssen wir – wie das Wort ,begreifen‘ schon ausdrückt – mit den Händen fühlen und mit den eigenen Augen sehen.“