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Trügerische Prognosen

dth Lüneburg/Magdeburg. Nicht nur das sonnige Wetter trügt beim erwarteten Hochwasser. „Die Menschen glauben gerne an Modelle. Unser Vorhersagemodell ist für so ein Jahrhunderthochwasser aber gar nicht ausgelegt“, sagte auf LZ-Nachfrage Franziska Halbing, Hydrologin vom Dienst in der Außenstelle des Landesbetriebs für Hochwasserschutz und Wasserwirtschaft Sachsen-Anhalt (LHW) in Halle/Saale. Dort wird auch an den Berechnungen der erwarteten Elbe-Pegel in Niedersachsen mitgearbeitet, die über die Hochwasservorhersagezentrale in Magdeburg herausgegeben werden. Wie verlässlich die Werte sind, sei aber unklar. Und während Magdeburg derzeit mit den höchsten gemessenen Wasserständen zu kämpfen hat, zogen im Landkreis Lüneburg gestern die meisten Einsatzkräfte wieder ab.

Auch die gestrige Hochwasserprognose für den Raum Lüneburg verzögerte sich um Stunden. Denn die Hydrologen beim LHW standen bei den Berechnungen vor bisher nicht dagewesenen Herausforderungen, sagte Halbing: „Unser Vorhersagemodell ist auf solche bisher nie beobachtete Extremst-Werte, wie wir sie jetzt aus dem Elbe-Zufluss Saale erleben, nicht ausgelegt.“ Auch sei der Hochwasserscheitel bei Dresden schneller und höher angekommen, als es die Angaben aus Tschechien hätten vermuten lassen. Halbing: „Und die Verschärfung setzt ab der Saale ein. Ab deren Mündung werden die Werte in der Elbe das Hochwasser von 2002 deutlich überschreiten.“ Schon gestern Abend mussten die Magdeburger mit einem absoluten Rekordhochwasser kämpfen. Und die Welle rollt weiter bis Niedersachsen, mit mehr Volumen als beim niedersächsischen Höchststand 2011.

Hydrologin Halbing sagte: „Die zuletzt prognostizierten Pegelwerte sagen allenfalls aus, wann der Hochwasserscheitel kommt, aber nicht, wie hoch er wird.“ Aussagen für Niedersachsen ließen sich erst treffen, wenn sich der Scheitel heute beim Pegel Barby gebildet habe. Aufhorchen ließ aber bereits gestern ein verlässlich gemessener Wert in Magdeburg, der auch für Nordostniedersachsen Schlimmes befürchten lässt.

Beim Hochwasser 2011 wurde in Magdeburg Strombrücke eine Abflussmenge des Wassers von rund 3600 Kubikmetern pro Sekunde gemessen, der gleiche Wert wurde damals in Neu Darchau festgestellt. „Damals kratzte das Hochwasser schon am Freibord unserer Deiche“, sagte Norbert Thiemann, Geschäftsführer des Artlenburger Deichverbandes. Ausgelegt sind die Deiche auch im Landkreis Lüneburg auf ein Bemessungshochwasser von 4000 Kubikmeter pro Sekunde. In Magdeburg wurden gestern aber 5000 Kubikmeter pro Sekunde gemessen, die in Richtung Niedersachsen rauschen.

Widersprüchlich erscheinen vor dem Hintergrund die gestern prognostizierten Pegelstände von Dömitz bis Geesthacht, die sich teilweise nur leicht über den vom Vortag nach unten korrigierten Werten bewegen. Thiemann sagte: „Wir ruhen uns auch nicht auf den niedrigeren Prognosen aus, sondern sind von Anfang an vom schlimmsten prognostizierten Fall ausgegangen – bei einem Pegel von 10,35 Meter für Hohnstorf.“ Die Deiche, deren Sicherheitspuffer zur Deichkrone bereits 2011 vom Hochwasser angetastet wurden, seien mit Sandsäcken „bis zum Ende der Fahnenstange“ erhöht worden. Insgesamt wurden 20 Prozent der Deiche in den vergangenen Tagen aufgekatet.

Stefan Bartscht, Sprecher der Lüneburger Katastrophenschutzstabes, sagte: „Wir haben eine Million volle Sandsäcke an den Deichverteidigungslinien auf Paletten verteilt. Zwar wurden die Einsatzkräfte abgezogen, aber der Katastrophenalarm bleibt bestehen. Seit gestern Abend laufen die Deichwachen. Falls sich die Lage akut ändert, stehen Bundeswehr und Feuerwehrbereitschaften in kurzer Zeit wieder an den Deichen.“

Sollte in Hohnstorf der Pegel von 8,40 Meter erreicht werden, wird das Sperrtor Artlenburg geschlossen, um einen Rückstau in den Elbe-Seitenkanal zu verhindern. Dann würde auch ein Begehungsverbot für die Kanaldämme am ESK in Kraft treten.