Dienstag , 27. September 2016
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Lange Tage am Deich

kre Hohnstorf/Elbe. Siegesmund Ackermann ist Streife gehen gewohnt: Der Mann ist schließlich Stabsgefreiter bei der Bundeswehr. Bislang hat der 27-Jährige freilich vorzugsweise militärische Sicherheitsbereiche und -liegenschaften gesichert – jetzt kämpfen der Gifhorner und seine Kameraden aus der Stabskompanie der 1. Panzerdivision (Hannover) auch gegen die Naturgewalten: Seit Dienstag, 11. Juni, laufen sie Deichwache in Hohnstorf/Elbe. Für Anwohner und Besucher zweifellos ein ungewohnter Anblick, denn neben den zivilen Deichwachen gehen jetzt auch zusätzlich Soldaten Patrouille. Doch ob zivile oder militärische Streifen – erkennbar sind sie alle an den Warnwesten mit der Aufschrift „Deichschutz“.

Ackermann hat seinen ersten Kontrollgang mit seinen beiden Kameraden Christoph Frank (21) und Patrick Hesse (20) hinter sich. Es ist heiß, die Sonne scheint. Eigentlich das ideale Wetter, um sich an den Deich zu legen und den Blick über die gigantische Wasserlandschaft zu genießen. Doch die vermeintliche Idylle ist trügerisch – und die drohende Gefahr ist den Männern durchaus bewusst. „Dass die Elbe so viel Wasser führt, das kann man sich gar nicht vorstellen“, staunt Christoph Frank, der in Osterode im Harz zu Hause ist. Die Männer wissen ganz genau, worauf es bei der Deichwache ankommt – dass der Gang über den Deich mehr ist als „Spaziergang“. Und sie sind mit Engagement dabei: „Das ist schon sinnvoll, was wir hier machen“, sagen die drei Mannschafts-Soldaten, bevor sie sich wieder aufmachen, um weiter den Deich zu kontrollieren. Denn bis zum Ende ihrer vierstündigen Schicht dauert es noch ein Weilchen. „Das nächste Mal sind wir dann heute Nacht dran“, sagt Siegesmund Ackermann. Dann ist es zwar dunkel, dafür aber auch nicht mehr ganz so heiß. Jede Schicht hat eben ihre Vor- und Nachteile.

Manche Deichläufer sind das erste Mal dabei, andere schon alte Hasen, die bereits bei früheren Hochwassern die Deiche kontrollierten. Wer von den Deichgeschworenen als Wache ausgeguckt wurde, muss schon gute Gründe haben, um dieser Verpflichtung nicht nachzukommen. Notfalls kann sogar ein Ordnungsgeld drohen.

Doch so scharfe Geschütze müssen die Deichgeschworenen des Artlenburger Deichverbandes nicht auffahren: „Es haben sich so viele Freiwillige gemeldet“, freut sich ein Deichläufer.

Wer zur Deichwache eingeteilt ist, erhält im Wachlokal im Gemeindebüro in Hohnstorf/Elbe eine Sicherheitsweste, Handy und – sofern es eine Nachtschicht ist – eine leistungsstarke Taschenlampe. „Zudem achten wir darauf, dass immer Doppelstreifen unterwegs sind“, sagt der Hohnstorfer Jörg Lüdtke, der selbst Deichwache läuft: „Aus Sicherheitsgründen und weil vier Augen mehr sehen als zwei.“

Der Ablauf des Kontrollgangs ist detailliert in dem Merkblatt beschrieben, das die Deichwachen vor Amtsantritt erhalten. „Eine Person kontrolliert auf der Deichkrone die wasserseitige Böschung und die Deichkrone, die andere den landseitigen Böschungsfuß.“ Wenn dort an manchen Stellen sogenanntes Qualmwasser zu sehen ist, ist das für Lüdtke kein Problem. „Das ist normal.“ Gefährlich wird es nur, wenn Sickerwasser aus dem Schutzwall läuft und sich braun verfärbt. Denn das bedeutet, dass der Deich ausgespült wird. Doch dieses Phänomen hat Lüdtke – zum Glück – noch nicht beobachtet. Dafür hatte er eine andere nicht minder spannende Begegnung: „Bis auf fünf Meter konnte ich mich einem Biber nähern.“ Deichläufer trifft Deichbaumeister – auch das passiert in diesen Tagen des Hochwassers.