Donnerstag , 29. September 2016
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Den Gästen zieht’s die Schuhe aus

ahe Lüneburg. Hartwig Denkmann marschiert vorneweg. So wie er es eigentlich immer macht seit einer gefühlten Ewigkeit. Dass ihm die Gäste an diesem Morgen nicht immer auf Schritt und Tritt folgen, unterwegs gar kurz verloren gehen, so dass Denkmann ein paar Mal ins Leere spricht – sei’s drum. Mit der Gelassenheit von 35 Jahren als Vereinsvorsitzender der Kleingartenkolonie Kirchsteig kann den 80-Jährigen nichts mehr aus der Ruhe bringen. Nicht mal wichtiger Besuch. Nervös? Ach, i wo. Nur weil sein Verein, sein zweites Zuhause an diesem Tag inspiziert und bewertet wird, weil es Garten-Gold zu erringen gibt? „Das ist mir doch schiet egal“, flüstert Denkmann hinter vorgehaltener Hand. Jedem anderen würde man bei solchen Bemerkungen wohl eine Missachtung der hochrangigen Gäste unterstellen. Ihm nicht. Hartwig Denkmann ist ein Unikum, geballte Erfahrung verpackt mit Schlagfertigkeit und Humor. Er macht, was er für richtig hält – und meistens fährt er gut damit.

An diesem Morgen führt er ein knappes Dutzend Frauen und Männer durch die Anlage am Kreideberg. Vier von ihnen sind besonders wichtig: die Juroren des Landeswettbewerbs „Gärten im Städtebau“. Nur alle vier Jahre findet dieses Kräftemessen statt, der Verein am Ochtmisser Kirchsteig vertritt diesmal die Lüneburger Farben, tritt gegen fünf andere Kolonien aus Niedersachsen an. Nur die beste Anlage qualifiziert sich für den Bundeswettbewerb im nächsten Jahr, quasi die Champions League der Kleingärtner.

Der Zeitplan der Jury, die bei ihrer Tour in Lüneburg von Bürgermeister Eduard Kolle, Stadtbaurätin Heike Gundermann sowie einigen Gartenfreunden aus der Kolonie und vom Bezirksverband begleitet wird, ist eng gestrickt. Zwei Stunden hat das Quartett Zeit, um sich einen Eindruck von der Anlage zu verschaffen: eine halbe Stunde Begrüßung und Einführung, eine Stunde Rundgang, eine halbe Stunde Fragen. Denkmann kürzt ab. Er ist kein Mann zu vieler Worte, will lieber am konkreten Beispiel zeigen, was er und seine Mitstreiter im Verein alles leisten. Mit kräftigerer Stimme als es erforderlich wäre heißt er die Gäste kurz willkommen, ehe er aufsteht und losmarschiert.

Start ist im Partygarten. Das ist so eine dieser typischen Denkmann-Ideen. Eine Parzelle hat der Verein mit Zelt und Bänken so umgestaltet, dass sie für Kindergeburtstage, aber auch für Partys von Erwachsenen gebucht werden kann – und wird. Gleich dahinter hat der Verein im vergangenen Jahr einen Sinnesgarten angelegt. Barfuß können Besucher über Sand, Steine, Tannenzapfen und Baumstämme waten und die Natur mit den Füßen erfühlen.

Ein kurzer Test muss reichen. Die Zeit drängt und Denkmann hat noch viel zu zeigen. „Eigentlich hätten die sich den Besuch ja sparen können, bei den vielen DIN A-4-Zetteln, die wir vorher ausfüllen mussten“, scherzt er und geht in den Bürgergarten. Dort ackern sogenannte Bürgerarbeiter – eine Qualifizierungsmaßnahme der Arbeitsagentur. Sie säen und ernten Gemüse und Obst, die Erträge kommen der Lüneburger Tafel zugute. Das dürfte Punkte bringen bei den Juroren, denen es weniger auf akkurat gepflegte Gärten und geschnittene Hecken ankommt, als auf soziale, städtebauliche und ökologische Aspekte. „Gemeinsam gärtnern – gemeinsam wachsen“ lautet das Wettbewerbsmotto.

Am Kirchsteig sind es 240 Kleingärtner und ihre Familien, die gemeinsam gärtnern. Der älteste ist 93, der jüngste gerade 17. Jedes zehnte Mitglied hat einen Migrationshintergrund, 55 Gärtner kommen von außerhalb Lüneburgs. Im Schnitt beackert jeder seinen Garten mindestens zehn Jahre. Da ist viel zusammengewachsen, die Konstante heißt Denkmann. „Ich wollte den Vorsitz eigentlich längst abgeben“, sagt er, „aber ich finde keinen Nachfolger.“ Zumindest keinen, der ähnlich gewissenhaft ist. Denn ein Vorsitzender müsse auch stets nach dem Rechten sehen, findet er. „Nur mal ab und zu hin und gucken, das funktioniert nicht.“ Also macht der dienstälteste Chef aller Lüneburger Kolonien weiter. Weil ihm die Gartenarbeit Spaß macht, weil er mit jungen Hüpfern genauso gut klarkommt wie mit alten Hasen, weil das Miteinander stimmt im Verein. Da spielt es keine Rolle, wie die Jury die Kolonie beurteilt. Schließlich hat Denkmann höchste Weihen längst erhalten mit zahlreichen Ehrungen. Und er weiß auch, wie es ist, wenn der ganze Verein oben steht: 1990 hat seine Kolonie beim Bundeswettbewerb schon einmal Gold geholt.