Dienstag , 27. September 2016
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Wie die Politik im digitalen Zeitalter die Jugend erreicht

kg Lüneburg. „Jugend und Politik – ein schwieriges Verhältnis?“ lautet der Titel des Lüneburger „Denkwerk“-Projektes der Robert Bosch Stiftung, in dem sich 40 Oberstufenschüler der Gymnasien Johanneum und Oedeme und der Berufsbildenden Schulen III mit dem Verständnis von Demokratie beschäftigt haben. Schwierig war für die Schüler dabei allein, an politische Informationen für ihre Zielgruppe zu gelangen. An Interesse fehlte es keineswegs.

Ein Jahr lang arbeiteten sie mit Mitarbeitern des Zentrums für Demokratieforschung der Leuphana an Fragen zur politischen Partizipation, um ihr persönliches Demokratieverständnis zu schärfen und das wissenschaftliche Arbeiten kennenzulernen. Die Robert Bosch Stiftung unterstützt das Projekt mit 17 000 Euro. Nun trafen die Schüler bei der Jugendforschertagung an der Uni auf renommierte Referenten zu ihren Kernthemen und stellten ihre Arbeiten der Öffentlichkeit vor.

„Wir haben überlegt, welche Form von Politik Jugendliche am meisten betrifft“, sagt Isabelle Debrassine von der BBS III. Mit ihrem Mitschüler David Kinzel hat sie das Thema „Jugendliche und Kommunalpolitik“ aufgegriffen. Obwohl die Kommunalpolitik gerade für ihre Zielgruppe wichtig sei, wisse keiner von ihnen so richtig, was dort passiere. „Als wir versucht haben, bei den Parteien etwas über die Beteiligung von Jugendlichen herauszufinden, konnte uns keiner Auskunft geben.“ Was läuft also schief?

„Politik ist Kommunikation. Wenn die Politik nicht mehr die Kommunikationsformen nutzt, die die Menschen erreichen, verliert man sie“, erklärt Daniel Reichert, Mitbegründer des Vereins „Liquid Democracy“. Der arbeitet an innovativen Ideen und entwickelt Software für die demokratische Teilhabe. Die größte Barriere der Demokratie sei, dass man vor vielen Menschen reden können müsse, sagt Reichert im Workshop „Demokratie im digitalen Zeitalter“. Sein Vortrag ist nur eines von vielen Angeboten, die die Schüler an diesem Tag erwarten. „Politische Parteien sind so aufgebaut, dass du nur erfolgreich sein kannst, wenn du eine Rampensau bist.“ Abstimmungs- oder Kommentarfunktionen im Internet könnten helfen, dass sich mehr Menschen einbringen. „Das ist nicht schwieriger, als bei Facebook einen Beitrag zu setzen“, erklärt Reichert. Mitbestimmung würde so viel leichter und kostengünstiger und in den nächsten zehn bis zwanzig Jahren gewohnte Hierarchien in allen Gesellschaftsbereichen aufbrechen, prophezeit er.

„Die Vorträge haben ein extrem hohes Niveau und sind interessant“, freut sich Paul Rostin aus dem elften Jahrgang des Gymnasiums Oedeme. „Diese neuen Themen betreffen ja besonders uns, denn wir sind jetzt langsam so weit, dass wir unsere Stimme abgeben dürfen.“ Er kann sich gut vorstellen, dass die Methoden von Liquid Democracy es schaffen, junge Menschen einzubinden. „Es darf eben kein Heidenaufwand sein, wenn man sich beteiligen möchte.“

Die Schüler sollten sich selbst als politische Personen reflektieren, sagt Prof. Dawid Friedrich vom Zentrum für Demokratieforschung. Zu welchen Themen bringen sie sich ein? Was braucht es, damit die Politik ihre Aufmerksamkeit bekommt? Als Politik-Forscher hätten sie zudem großes Interesse daran, mit den Jugendlichen in Kontakt zu kommen.