Dienstag , 27. September 2016
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Twain legt in Lüneburg an

rast Lüneburg. Er ist die neue Attraktion am alten Hafen. Ganz locker sitzt er da auf seiner Bank an der Brausebrücke, leger das rechte Bein übers linke Knie geschlagen, den rechten Ellbogen aufs Bankgeländer gestützt, die Stirn sinnierend in Falten gelegt. Stadtfest-Besucher hielten ihn am Wochenende für einen Kleinkünstler, der ähnlich dem Silbermann in der Bäckerstraße regungslos die Besucher faszinieren will. Doch es ist die Skulptur von Samuel Langhorne Clemens, zu dem sich jetzt gerne Lüneburger und Touristen gesellen, um sich mit ihr ablichten zu lassen. Besser bekannt ist Clemens unter dem Pseudonym, das er erstmals vor genau 150 Jahren – 1863 – benutzte: Mark Twain.

Wie kommt der bekannte Schriftsteller und scharfzüngige Gesellschaftskritiker vom Mississippi River, wo er seine Kindheit verbrachte, an die Ilmenau? Natürlich mit dem Schiff. Und warum sitzt er jetzt vorm Marina Café des Hotels Bergström und nicht vor Onkel Toms Hütte? Die Antworten kennt der Besitzer des Bronze-Ensembles aus Autor und Bank. Es ist der Lüneburger Unternehmer Henning J. Claassen, der dem Viertel in den vergangenen Jahrzehnten ein neues Gesicht verliehen hat. Der Mann hat einen Blick für Schönes: „Ich habe die Skulptur auf einer meiner Reisen entdeckt. Auf dem Weg nach Australien gab’s einen Zwischenstopp in Bangkok. Dort ist sie mir sofort aufgefallen.“

Vor sechs Monaten kaufte er den Mark Twain in Bronze, doch der Transport von Thailand an die Ilmenau war nicht einfach: „Es war ein langer Weg per Schiff, unter anderem durch den Suezkanal.“ Doch nun ist der Neu-Lüneburger Twain da, hat sich gemütlich niedergelassen zwischen anderen Skulpturen – den spielenden Kindern an der Vinothek und dem Brunnen-Ensemble Am Werder. Der 1835 geborene und 1910 gestorbene Autor, der einst Lotse auf einem Mississippidampfer werden wollte, gibt nicht nur ein kurzes Gastspiel an der Brausebrücke. Claassen verspricht: „Er bleibt dort sitzen.“

Es ist übrigens nicht nur das bronzene Kunstwerk, sondern auch das literarische, das Claassen an Twain reizt: „Ich bin mit seinen Büchern groß geworden, habe viel ,Onkel Toms Hütte‘ gelesen.“ Und natürlich auch die anderen Abenteuer von Tom Sawyer und Huckleberry Finn. Mark Twain bereiste übrigens zwei Mal Europa, machte auch in Deutschland Station, so lebte er 1878 drei Monate lang in Heidelberg und Umgebung. Bis ins schöne Lüneburg kam er aber nicht – schauen die Augen seiner Skulptur vielleicht deshalb ein wenig traurig aus?