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Vom Acker in die Wand

hum Adendorf. Der Handwerker spritzt fetten, kühlen Lehm mit einer Düse auf die Wand aus Stroh und streicht ihn mit einem langen Brett glatt. Die Arbeit des Lehmbauers erinnert an die eines Konditors, der eine Torte mit Sahne verziert. Meter für Meter verschwinden die Ballen, die den Holzrahmenbau des künftigen Einfamilienhauses füllen, hinter einer feuchten, braunen Schicht. „Der Lehm sorgt später für ein angenehmes Raumklima“, sagt Architekt Dirk Scharmer. Nur die organischen, runden Laibungen an den Fenstern und Hausecken werden noch erahnen lassen, dass sich darunter Stroh verbirgt.

Als sich die Baufamilie Veronika und Konstantin P. für ein Strohhaus entschieden hatte, wunderten sich viele Kollegen: „Wir wussten gar nicht, dass ihr solche Ökos seid“, hieß es. Sind sie auch nicht. „Wir wollten ein Haus bauen, bei dem wir wissen, was drin steckt und woher seine Bestandteile kommen“, sagt der Bauherr. „Unsere Zimmerer wohnen selbst in Strohhäusern – so, wie sie für uns bauen, haben sie es auch für sich selbst getan“, ist er sich gewiss.

In der Adendorfer Neubausiedlung ist das Strohhaus ein Unikat; rundherum stehen Klinker- und Fertighäuschen. Gut ein Dutzend Strohhäuser hat der 45-jährige Dirk Scharmer aus Südergellersen bundesweit gebaut. Als er vor zwölf Jahren damit begann, hielt kaum jemand Stroh für einen Baustoff mit Zukunft. Heute gibt es in ganz Deutschland über 200 Strohhäuser, im Landkreis Lüneburg sind es eine Hand voll.

„Die Bauweise ist jetzt ausgereift“, sagt der Südergellerser Architekt. Baugenehmigungen sind kein Problem mehr, die Strohballen baurechtlich zugelassen. Erfolgreiche Brandschutztests garantieren Sicherheit. Derzeit läuft eine letzte wichtige Zulassung zum Feuchteschutz. „Unser Verfahren garantiert, dass das Stroh trocken bleibt und nicht schimmelt“, sagt Scharmer. Noch fehlt es jedoch an verbindlichen Standards für alle Strohhausbauer. „Wir arbeiten an einer Strohbaurichtlinie, um unsere Erfahrungen weiterzugeben“, sagt Scharmer über die Initiative im Fachverband Strohballenbau Deutschland e.V. (FASBA).

„Obwohl Strohhäuser seit 100 Jahren gebaut werden, ist ein Strohhaus von heute kein Lowtech-Haus.“ Ein Strohhaus erreiche dank der starken Dämmwirkung des nachwachsenden Rohstoffs problemlos Passivhausstandards. Die Fenster sind dreifach verglast; für die Lüftung mit Wärmerückgewinnung, die Sonnenkollektoren auf dem Dach und die Pelletheizung ist ein eigener Technikraum erforderlich. Aus Kostengründen musste auf der Adendorfer Baustelle jedoch auf den teuren Holzvergaser verzichtet werden.

Doch der Südergellerser habe nicht nur die Bauweise modernisiert, sondern auch ihre Ökobilanz berechnet: „Für die Herstellung und über die gesamte Lebensdauer benötigt ein Strohhaus weniger Energie, als ein konventionelles Haus bereits bei der Schlüsselübergabe verbraucht hat.“ Die oft auch in Passivhäusern verbauten Dämmstoffe wie Mineralwolle und Polystyrol verschlängen in der Produktion bis zu 30-mal mehr Energie als das Stroh von den Äckern nebenan, das ohne aufwändige industrielle Verarbeitung verbaut werden könne. Doch die Herstellungsenergie finde bei energetischen Berechnungen bislang keine Berücksichtigung, kritisiert Scharmer.

20 Prozent des Strohs, das bei der Getreideproduktion anfällt, würden bisher nicht genutzt, so Scharmer. Das reiche, um jährlich bis zu 350 000 Strohhäuser zu bauen. Anders als viele andere nachwachsende Rohstoffe konkurriere Stroh nicht mit der Nahrungsmittelproduktion und vermeide weiteren Flächenverbrauch. Das Stroh für das Adendorfer Häuschen kommt aus Uelzen.

Das Stroh für ein Haus kostet 3000 Euro und fällt damit kaum ins Gewicht. Größter Kostenfaktor sind die Handwerker. Trotzdem ist Bauen mit Stroh bezahlbar geworden. Ein Einfamilienhaus mit 150 Quadratmetern Wohnfläche kostet im Durchschnitt 200- bis 300 000 Euro.