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Härchen voller Nesselgift

kre Lüneburg. Sie sind klein, gefräßig und treten zurzeit in Massen auf – auch in Teilen des Landkreises Lüneburg. Die Eichenprozessionsspinner: Da von der Raupe gesundheitliche Schäden beim Menschen ausgehen, hat der Landkreis Lüneburg im Mai und Juni in besonders befallenen Regionen im Kreis eine vorbeugende Bekämpfung vorgenommen – zu Lande und aus der Luft. Aus einem Hubschrauber wurde das Insektizid Dimilin versprüht, ein Fraßgift, das bei den Insekten die Chitin-Synthese und damit die Häutung verhindert. „Dieser Einsatz war richtig und notwendig“, sagt Dr. Marion Wunderlich, Leiterin des Kreisgesundheitsamtes Lüneburg. Im Interview erläutert die Medizinerin die gesundheitlichen Gefahren, die von den Schmetterlingsraupen ausgehen können und wie man sich vor ihnen schützen kann.

Viele glauben, dass die Gefahr durch den Eichenprozessionsspinner jetzt vorüber sei. Stimmt das?

Dr. Marion Wunderlich: Nein! Die ,Hauptsaison‘ für den direkten Kontakt mit lebenden Raupen ist je nach Witterung von Ende Mai bis August. Die Gefahr, in Kontakt mit den Brennhaaren der Raupen zu kommen, ist also nach wie vor groß.

Warum ist der Eichenprozessionsspinner überhaupt so gefährlich für den Menschen?

Dr. Wunderlich: Jede Raupe besitzt bis zu 630 000 Härchen, die ein Nesselgift besitzen, das bis zu vier Jahre wirksam bleibt. Verpuppt sich die Raupe, bleiben Millionen dieser Härchen in den verlassenen Nestern zurück. Die harten, spitzen und leicht brechenden Härchen selbst halten sich in der Natur sogar bis zu 11 Jahren. Ein weiteres Problem: Bei Windstößen können die Härchen bis zu 500 Meter weit fliegen.

Welche Krankheitssymptome können bei Kontakt mitden Brennhärchen und dem Nesselgift des Eichenprozessionsspinners auftreten?

Dr. Wunderlich: Das Nesselgift ist dem der Brennnessel vergleichbar – nur viel aggressiver. Wer ohnehin schon unter Allergien leidet, auf den wirkt sich das Nesselgift meist noch stärker aus. An der Haut bilden sich stark juckende Quaddeln, an den Augen kommt es zu einer Bindehautentzündung mit Rötung, Lichtscheu und Schwellungen der Augenlieder. Durch Augen-Reiben kann es sogar zu einer schmerzhaften Hornhautentzündung kommen.

An den Atemwegen kommt es zu Bronchitis mit Reizhusten oder auch asthmatischen Beschwerden mit Schwindel, Übelkeit, Fieber, Schüttelfrost – und in seltenen Fällen zu Schockzuständen.

Was können Betroffene tun, die Kontakt mit den Brennhärchen hatten?

Dr. Wunderlich: Bei bewusstem Kontakt am besten sofort duschen, Haare waschen, Augen spülen und die Kleidung wechseln. Liegt der Kontakt schon einen Tag zurück, auf alle Fälle auch die Bettwäsche abziehen.

Und was passiert mit der „kontaminierten“ Wäsche?

Dr. Wunderlich: Die Kleidung muss bei 60 Grad gewaschen werden. Dadurch wird das Nesselgift inaktiviert. Ist das nicht möglich, die mit Brennhärchen verschmutzte Kleidung vorsichtig weglegen. Auch benutzte Gegenstände und das Auto müssen sorgsam innen und außen gereinigt werden.

Zeigen die Augen eine Rötung oder Schwellungen auf, diese sofort mit reichlich Wasser spülen und den Augenarzt aufsuchen, denn nur der kann mit einer Spaltlampenuntersuchung feststellen, ob noch weitere Härchen in der Hornhaut feststecken.