Donnerstag , 29. September 2016
Aktuell
Home | Lokales | Die Schadensschätzerin

Die Schadensschätzerin

off Radegast. Die ersten Rinder hat Hans-Günter Kubelke nach der Flut bereits verkauft. Und der Landwirt aus Radegast fürchtet: „Das werden nicht die letzten gewesen sein.“ Das Juni-Hochwasser hat seinen Betrieb in dem Elbedorf schwer getroffen, ein Großteil seines Kuhfutters ist entweder abgesoffen, vergammelt oder unbrauchbar. Im ganzen Landkreis Lüneburg sucht er nun nach Ersatzfutter, hofft damit, zumindest den Großteil seiner Rinder durch den Winter bringen zu können. Bezahlen muss Kubelke das zunächst aus eigener Tasche. Doch die Vorbereitungen für die Entschädigung laufen.

Mit Klemmbrett und Kugelschreiber in der Hand steht Anneken Kruse auf einem Acker direkt hinterm Elbdeich. Die Beraterin der Landwirtschaftskammer Niedersachsen soll Kubelkes gemeldete Schäden kontrollieren, bei diesem Feld ein recht eindeutiger Fall. Mannshoch sollten die Maispflanzen eigentlich stehen, gewachsen sind sie gerade mal knöchelhoch. Das heißt für Kubelke: vermutlich Totalausfall. Wie auf geschätzten 70 Prozent seiner gesamten Maisflächen.

Schicksale wie Kubelkes gehören für Anneken Kruse derzeit zum Alltag, sie weiß nach gut einer Woche Kontrollbesuchen: „Das Hochwasser hat einige Betriebe an den Rand der Existenz gebracht.“ Vor allem der Ausfall der Gras- und Maisernte trifft die Landwirte an der Elbe, denn fast alle halten Rinder. Zwar werden Ernteausfälle und Kosten für Futterzukäufe zu 50 Prozent entschädigt, maximal 50000 Euro, in Ausnahmefällen 100000 Euro an die Betroffenen fließen. „Doch das Finanzielle ist hier gerade nur das eine Problem“, sagt sie. Das viel drängendere sei für die Bauern derzeit: Woher soll das fehlende Futter kommen?

Hans-Günter Kubelke hat von einem Berufskollegen bereits elf Hektar Mais bekommen. Doch wer ihm den Rest verkauft, woher Heu und Grassilage kommen sollen, weiß auch der Radegaster noch nicht. „Ich werde wohl nicht drum herum kommen, noch mehr Rinder zu verkaufen“, sagt er. Nicht weil er auf sie verzichten könnte, „sondern weil ich nicht genug Futter für sie habe“.

Noch hofft der 53-Jährige, dass er das Gras auf seinen Wiesen im Deichvorland im Herbst noch einmal ernten kann. Wohlwissend, dass die Prognosen der Experten düster aussehen. Einen Teil der Flächen hat er in aller Hektik noch vor der Flut ernten können, auf dem Rest erwartet ihn ein echter Knochenjob. 50 Zentimeter hohes Gras liegt nach der Überflutung platt, verdreckt und verklebt am Boden — Abfall, den er abmähen, beproben lassen und entsorgen muss, sobald die Flächen wieder befahrbar sind.

Anneken Kruse kontrolliert indes weiter im Akkord. „Wenn wir nicht schnell genug sind, lassen sich die Schäden auf den Flächen nur noch schwer ermitteln.“ Haben die Kammer-Mitarbeiter ihre Arbeit vor Ort getan, werden die Ergebnisse in den Entschädigungsantrag aufgenommen und die Unterlagen zur Vervollständigung zurück an die Bauern geschickt. „Die kompletten Anträge inklusive aller Rechnungen müssen spätestens bis zum 12. Dezember eingereicht werden“, sagt Kruse. Ein Zeitpunkt, an dem Hans-Günter Kubelke die Bürokratie längst hinter sich haben will — und darum kämpfen muss, seine Rinder satt zu bekommen.