Donnerstag , 29. September 2016
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Dreiste Selbstbedienung in der Natur

kre Melbeck. Ein spatentiefes Loch ist alles, was geblieben ist: „Eine Sauerei“, schimpft Hinrich Jacobi. Eigentlich sind dem Mitarbeiter der Unteren Naturschutzbehörde solche Gefühlsausbrüche eher fremd. Doch je mehr er darüber nachdenkt, wie rücksichts- und gedankenlos manche Zeitgenossen mit der Natur umgehen, desto mehr kocht in ihm die Wut hoch: „Das ist so, als ob ein Jäger das letzte noch lebende Nashorn schießen würde, nur weil er das Tier schön findet!“ Jacobi ist nicht mehr zu halten: „Die Natur ist doch kein Selbstbedienungsladen, in dem sich jeder nehmen kann, was ihm gerade gefällt“, presst Jacobi wütend hervor und ballt seine mächtigen Hände zu Fäusten.

Aber genau dieses Verhalten müssen die Mitarbeiter der Unteren Naturschutzbehörde immer häufiger feststellen – wie jetzt im Kiebitzmoor bei Melbeck. Unbekannte haben dort klammheimlich die beiden einzigen im Landkreis existierenden Exemplare der Torfmoos-Knabenkraut-Orchidee ausgegraben. „Ein Verlust, der kaum gut zu machen ist“, pflichtet Burkhard Jäkel von der Unteren Naturschutzbehörde seinem Kollegen bei: „Mit wenigen Spatenstichen ist auf einen Schlag der Gesamtbestand dieser Orchideenart in der Lüneburger Region ausgelöscht worden.“

Es ist auch alles andere als ein Kavaliersdelikt, seltene und geschützte Pflanzen zu rupfen oder gar für den eigenen Garten auszugraben. „Das ist ein Verstoß gegen die Bundesartenschutzverordnung“, erläutert Kreissprecherin Frauke Noweck – „in besonders dreisten Fällen kann ein Bußgeld bis zu 50 000 Euro drohen.“

„Einige handeln naiv, andere vorsätzlich und dreist“, stellen Jäckel und Jacobi fest – „auf alle Fälle aber handeln alle, die in Wald und Flur wie in einem Selbstbedienungsladen zulangen, gegenüber der Natur respektlos“, mahnen die beiden.

Der Klau des äußerst seltenen Torfmoos-Knabenkrauts im Kiebitzmoor sei auch kein Einzelfall.

Jacobi weiß von einem Pflanzenräuber mit dicker Limousine zu berichten, der sich für mehrere tausend Euro einen Gartenteich hat anlegen lassen. „Den Rohrkolben-Schilf wollte er sich aber in freier Natur zum Nulltarif ausgraben“, ärgert sich Hinrich Jacobi und fügt hinzu: „Der Mann zeigte überhaupt kein Unrechtsbewusstsein. Sein Gärtner hätte ihm sogar den Tipp gegeben, die Schilfrohrpflanzen in der Natur auszugraben.“

Dass mit dieser „Geiz ist Geil“-Mentalität auch ökologische Kollateralschäden einhergehen, ist wohl nur den wenigsten bewusst: Im Fall des Rohrkolben-Schilf-Diebes beispielsweise mussten auch etliche Pflanzen des Sumpfblutauges dran glauben.

„Leider halten sich nicht alle daran“, bedauert der Pflanzen-Experte. Seine Beobachtung: „Was in der Natur schön blüht und gedeiht, das wollen die Leute auch zu Hause in ihrem Garten oder in der Wohnzimmervase.“ So wie die ältere Dame, die Landkreis-Mitarbeiter dabei überraschten, wie sie bei Kirchgellersen sich eifrig einen Strauß Ackerfeuerlilien rupfte. „Das sie dabei ertappt wurde, war ihr richtig peinlich“, weiß Jacobi – „die Leute wissen eben nicht, was sie tun.“

Um die bedrohten Pflanzenarten zu schützen, reagiert der Kreis jetzt auf höchst unkonventionelle Weise. „Wir sind jetzt dabei, bei den Lilien per Hand die Blätter zu beschneiden“, erläutert Jäkel, „das stört zwar nicht die Bestäubung und somit die Vermehrung der Pflanze, aber für ,Blumenfreunde‘ sind diese Pflanzen unattraktiv.“ Jäkels Hoffnung. „Dann bleiben die Pflanzen dort, wo sie hingehören – in der Natur.“