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Ein hart erkämpfter Schnitt

off Neetzendorf. Mit weit aufgerissenen Augen starrt sie durchs Käfiggitter. Ihre Atmung rast. Die Katze, die in Behandlungszimmer 1 der Tierarztpraxis in wenigen Minuten kastriert werden soll, ist in Panik. Zum ersten Mal in ihrem Leben ist sie eingesperrt, sie kennt keine menschliche Obhut, hat nie zuvor Kontakt mit einem Tierarzt gehabt, wurde weder geimpft noch entwurmt. „Sie ist verwildert“, sagt Brigitte Ruhnke. Wie Tausende andere Katzen im Landkreis Lüneburg. 197 Tiere haben sie und ihre Mitstreiter allein in diesem Jahr gefangen und kastrieren lassen. Jetzt spritzt Stephan Schlawinsky Nummer 198 ein Narkosemittel in den Oberschenkel.

Seit die Katzenhilfe Bleckede sich vor sieben Jahren gegründet hat, unterstützt der Neetzendorfer Tierarzt ihren Kampf für eine Katzenschutzverordnung. Wirbt als Kreisstellenvorsitzender des Landkreises Lüneburg der Tierärztekammer auch öffentlich für die Kastrations- und Kennzeichnungspflicht. „Selbst wenn es manche noch immer bestreiten“, sagt er, „die unkontrollierte Vermehrung der Hauskatzen ist auch bei uns ein massives Problem.“ Mit Folgen.

Verwilderte Welpen, Katzen und Kater leben in erbärmlichen Zuständen, leiden an Schnupfen, Katzenseuche, Leukose, schweren Infektionskrankheiten, Zecken, Würmern, Flöhen oder Katzenaids. „Viele der Tiere sterben elendig“, sagt Schlawinsky. Für manch einen der Beweis: Das Katzen-Problem löst sich von selbst. Tatsächlich aber steigt die Zahl frei lebender Katzen seit Jahren immer weiter an. Ein Hauptgrund: „Die verwilderten Populationen werden immer wieder durch unkastrierte Katzen aus menschlicher Obhut ergänzt“, erklärt der Tierarzt. Ein Teufelskreis.

Konzentrierte Stille in Behandlungsraum 1. Nummer 198 liegt auf dem Rücken und schläft, Vorder- und Hinterbeine sind weit vom Körper gestreckt und fixiert. Ein grünes Operationstuch deckt den Großteil ihres Körpers ab, nur die Stelle, an der Schlawinsky ihr die Eierstöcke herausnehmen wird, ist frei. Ein drei Zentimeter langer Schnitt, dann ist der Bauchraum offen. Keine 15 Minuten später hat der Tierarzt die Wunde mit zwei Stichen wieder zugenäht, der Katze Antibiotika, Schmerz-, Wurm- und Flohmittel gespritzt. Kastration und Behandlung von Nummer 198 war erfolgreich. Kosten für die Katzenhilfe: rund 130 Euro.

Ob sie das Katzenelend im Landkreis Lüneburg jemals ganz in den Griff bekommen werden? Brigitte Ruhnke zuckt mit den Schultern. „Manchmal, wenn wir wieder 20 todkranke Welpen bekommen, die Leute uns mit Hilferufen überschütten und wir keinen Cent mehr in der Vereinskasse haben, zweifle ich daran.“ Doch dann gibt es Momente wie die Abstimmung zur Verordnung im Rat Bleckede, sagt sie, „dann weiß ich wieder, es lohnt sich doch zu kämpfen“.

Wer die Katzenhilfe unterstützen möchte oder mehr wissen will, findet Informationen im Internet unter www.katzenhilfe-bleckede.de.