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Vom ersten Spargel bis zur letzten Beere

off Neetze. Thomas Lachmanski läuft durchs Heidelbeerfeld und zählt laut die Strauchreihen. „Jeden, dwa, trzy, cztery. . .“ Der 44-jährige Pole ist gut gelaunt. Die Sonne scheint, seine Kolleginnen sind mit dem Pflücken gut vorangekommen, bald ist Mittag – und damit endlich Zeit, seiner Frau in Ruhe zum Geburtstag zu gratulieren. Bevor er die vollen Heidelbeerkörbe abliefert, will er ihr noch schnell einen frischen Blumenstrauß kaufen, im Bulli liegt bereits eingepackt ein Parfüm von Valentino. Seit 24 Jahren feiern Thomas und Dorota Lachmanski Geburtstag auf dem Spargelhof in Neetze, der Ort, an dem der gelernte Möbeltischler inzwischen mehr Zeit im Jahr verbringt als zu Hause in Polen.

Auf dem Spargelhof Strampe ist Lachmanski zur Hochsaison einer von fast 100 Erntehelfern, von Mitte Oktober bis Ende November nur noch der letzte von sechs. In Deutschland verdienen der gelernte Möbeltischler und seine Frau das Geld fürs ganze Jahr, er auf den Spargel-, Erdbeer-, Heidelbeer- und Himbeerfeldern, sie hauptsächlich in der Küche des Spargelhofs, wo die 43-Jährige für alle Erntehelfer kocht. „An manchen Tagen ist die Arbeit hart“, sagt Lachmanski, „aber das Geld ist gut.“ So gut, dass er zu Hause gar nicht mehr nach Arbeit sucht. Klar habe er manchmal Heimweh, vor allem im Herbst, wenn er sechs Wochen lang ohne seine Frau in Neetze arbeitet. Trotzdem kommt Lachmanski immer gerne wieder. Wegen des Geldes. „Und weil es Spaß macht hier“, sagt er.

Die meisten Erntehelfer auf dem Spargelhof kommen wie Lachmanski aus Polen, viele kennen sich, sitzen abends zusammen, manche sind über die Jahre Freunde geworden. Doch viel Freizeit bleibt ihnen nicht – „und die wollen die meisten auch gar nicht“, sagt Stefan Timmermann, der auf dem Spargelhof zuständig für den Gesamtanbau ist. „In der Zeit, in der sie hier sind, wollen sie so viel wie möglich verdienen.“ Denn nicht nur Thomas Lachmanski und seine Frau erarbeiten in Neetze das Geld fürs ganze Jahr. Viele von ihnen sichern sich mit Spargelstechen, Erdbeer- oder Heidelbeerpflücken in Deutschland auch ihren Lebensunterhalt in Polen.

Auf dem Heidelbeerfeld brennt die Sonne vom Himmel, Thomas Lachmanski wischt sich den Schweiß von der Stirn, bevor er einer der Erntehelferinnen den vollen Heidelbeerkorb aus der Hand nimmt. 30 Kilogramm pro Tag pflücken die Frauen im Schnitt, Frischware, die Lachmanski in regelmäßigen Abständen abholt und zum Hof fährt. Die Heidelbeeren sind seine letzte Frucht für dieses Jahr, hinter ihm liegt das Spargelstechen, parallel läuft noch die Erdbeer- und Himbeerernte. Hin und wieder gönnt sich auch Lachmanski eine Handvoll Beeren, selten einen Teller Spargel. „Zu teuer“, sagt er. In Polen wartet ein Haus auf ihn – und das heißt für die Zeit in Neetze: sparsam sein.

Ende August wird der 44-Jährige mit seiner Frau zurückkehren nach Polen, sechs Wochen bleiben und wieder nach Neetze fahren. Dort bereitet Lachmanski bis Ende November die Spargelfelder für die nächste Saison vor, dann bleibt ihm so viel Urlaub wie dem Spargel Zeit zum Wachsen. Denn wenn im Frühjahr in Neetze die ersten Spargelköpfe aus dem Boden gucken, ist auch Thomas Lachmanski wieder da. Um in seine 25. Saison als Erntehelfer zu starten.