Aktuell
Home | Lokales | Lyrikbände statt Sonnenbäder
3417670.jpg

Lyrikbände statt Sonnenbäder

emi Marienau. Das Thermometer zeigt 23 Grad an, und die Sonne strahlt von einem wolkenlosen Himmel. Bestes Badewetter. Doch während sich viele Schüler während ihrer Sommerferien im Schwimmbad abkühlen oder beim Eisessen die Seele baumeln lassen, pauken Paul und Sandra mit Deutschlehrer Andreas Bernhart Lyrik-Analyse. Die beiden Schüler sind zwei von insgesamt 30 Jugendlichen aus allen Teilen Deutschlands, aber auch aus Singapur, Hongkong, Wien und Paris, die jetzt einen „LernErlebniskurs“ an der Schule Marienau besuchten – für knapp 1000 Euro pro Woche.

Die „LernErlebniskurse“ sind ein Angebot vom „Zeit Schülercampus“ und dem „Studienhaus“, einem Institut für Lernmethodik. Sie versprechen laut Infobroschüre „eine sinnvolle und attraktive Feriengestaltung“ an „außergewöhnlichen Orten“. In Marienau findet der Lehrgang unter dem Motto „Globales Handeln und Wirtschaften“ in diesem Jahr zum ersten Mal statt. Für Lehrer Bernhart ein idealer Ort: „Es gibt Pferde, einen See und alles ist schön gestaltet.“

Zwölftklässlerin Sandra macht in diesem Jahr sogar schon zum vierten Mal einen solchen Kurs – anfangs allerdings nicht freiwillig: „Beim ersten Kurs hatte ich nicht so viel Lust, da wurde ich von meinem Vater gezwungen“, gesteht die 17-Jährige. „Aber mittlerweile macht’s Spaß.“ Der Unterricht in Kleingruppen sei lockerer als der reguläre in der Schule, das gefalle ihr.

Auch Paul musste beim ersten Mal überredet werden. Doch während des damaligen Kurses fand er Freunde und ist nun auch schon im zweiten Jahr dabei. Das Angebot habe aber noch weitere Vorteile, findet der 16-Jährige: „Der größte Unterschied zum normalen Unterricht ist, dass die Lehrer hier unsere Freunde sind.“ Schüler und Lehrer duzen sich und verbringen auch nach dem Lernen viel Zeit miteinander. Zum Beispiel bei den vielfältigen Nachmittagsangeboten von Fußball über Basketball bis hin zu kreativem Gestalten sowie Ausflügen und Unternehmensbesichtigungen.

Seit vier Jahren ist Bernhart nun für das Studienhaus Landau tätig. „Unser Konzept basiert auf Individualisierung, das heißt, ich hole die Kinder da ab, wo sie gerade sind“, sagt Bernhart über den Unterricht. Als er beispielsweise erfahren habe, dass Sandra gerne Fantasy-Literatur lese, habe er seinen Unterricht danach ausgerichtet. Und auch Pauls Interessen werden berücksichtigt: „Er spielt zum Beispiel sieben Instrumente.“

Sowohl die Lernumgebung als auch die „Emotion, wie ich an das Lernen herangehe“ spielten eine Rolle beim Lernen, ist Andreas Bernhart überzeugt. „Wir machen viele Spiele im Unterricht, wollen die Schüler motivieren und positive Impulse setzen.“

Trotzdem ist das Pauken nicht der Hauptgrund, warum Sandra und Paul an dem Kurs teilnehmen. „An erster Stelle stand für mich, meine Freunde wiederzusehen“, sagt Paul. Aus seinen Ferien in Marienau will der 16-Jährige vor allem zwei Dinge mitnehmen: „Neue Freunde. Und auch ein bisschen mehr Wissen.“