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Geld fürs Warten auf Öl

off Karze. Sonntagvormittag, 11.30 Uhr, Feuerwehrhaus Karze. Franz-Jürgen Dützmann und Hartmut Müller sitzen nebeneinander am Tisch, vor ihnen eine Geldbörse und eine Liste mit Namen, Flächenangaben und Summen. Fünf Jahre nach dem letzten Zahltag ist es wieder soweit: Das Erdölwartegeld fließt. Mehr als 200 Grundstückeigentümer aus Karze, Garze, Rosenthal und Vogelsang können sich an diesem Vormittag je nach Größe ihres Landbesitzes Beträge zwischen 26 Cent und 5 Euro auszahlen lassen. Ihr Lohn fürs Warten.

„Im Mai 1931 haben unsere Vorfahren mit einer Ölfirma einen Vertrag über die Förderrechte auf ihrem Land geschlossen“, sagt Dützmann. Der Deal: Die Gewerkschaft Kötterhof darf auf den Flächen nach Öl und Gas bohren. Im Gegenzug werden die Eigentümer am Erlös etwaiger Ausbeuten prozentual beteiligt. Gefunden wurde bisher aber weder Gas noch Öl, Geld fließt seit 1931 trotzdem. „Pro angefangenen Morgen Land gibt es fünf Cent im Jahr“, sagt Dützmann. So wenig, dass sich die Auszahlung nur alle fünf Jahre lohnt. Und viele Grundstückseigentümer auf ihr Wartegeld verzichten.

Und so läuft die Auszahlung. Die Erdölfirma, mittlerweile ExxonMobil, ermittelt zum jeweiligen Zahltag, wer aktuell wieviel der Vertragsfläche von insgesamt rund 850 Hektar besitzt. „Dann bekommen wir als Bevollmächtigte der Interessengemeinschaft das Geld und die Liste der Eigentümer“, erklärt Hartmut Müller. Je nach Grundbesitz liegt die Höhe des Wartegeldes zwischen 26 Cent und gut 50 Euro pro Person. „Beträge über fünf Euro werden von uns überwiesen“, sagt Müller, „alles, was darunter liegt, wird bar ausgezahlt.“ Vorausgesetzt es kommt jemand.

Angesetzt haben Müller und Dützmann ihren Zahltag im Feuerwehrhaus von 10 bis 13 Uhr. Sein Geld abgeholt hat bis zwölf Uhr nur ein Grundstückseigentümer. „Den meisten ist der Aufwand für die paar Euro wohl zu hoch“, sagt Dützmann. Für den Bevollmächtigten und seinen Kollegen aber auch kein Problem. Schon vor Jahren haben sie mit der Interessengemeinschaft festgelegt: Das Geld, was nicht abgeholt wird, bekommen die Feuerwehren in Karze, Garze und Rosenthal.

Bis 2021 gelten die Verträge zwischen Erdölfirma und den Grundstückeigentümern aus der Elbmarsch noch, wie es danach weitergeht, wissen auch Müller und Dützmann nicht. Doch aufgegeben haben sie das Warten noch nicht. „Die Technik entwickelt sich ständig weiter“, sagt Müller, „vielleicht lohnt es sich eines Tages doch noch, hier Öl oder Gas zu fördern.“ Mit einem Förderzins würden die Landbesitzer dann an den Erlösen beteiligt werden – in welcher Höhe entscheiden die Größe ihrer Ländereien und das Ausmaß der Produktion. Doch dafür müsste erst einmal ein lohnendes Vorkommen entdeckt werden. Und darauf warten die Landbesitzer aus Karze, Garze, Rosenthal und Vogelsang seit 82 Jahren vergeblich.

Bis kurz vor halb eins warten im Feuerwehrhaus auch Dützmann und Müller vergeblich auf ihre zweite Auszahlung. Doch dann stehen plötzlich Otto und Ursula Ortmann im Feuerwehrhaus. Sie holen das Wartegeld für sich und die Verwandschaft ab, insgesamt 6,76 Euro. Geld, für das sie auf dem Papier fünf Jahre gewartet haben – und das sie gleich wieder auf den Kopf hauen wollen. „Beim Kaffeetrinken im Nachbarort.“