Dienstag , 27. September 2016
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Jerry, ein Methusalem auf vier Hufen

off Heiligenthal. Seit Jerry kaum noch Zähne hat, sind Bananen sein Leibgericht. Jeden Morgen bekommt der Ponywallach ein frisch geschältes Exemplar, zerdrückt die weiche Frucht genussvoll im Maul, bevor er sich seinem eigentlichen Frühstück widmet: einem Eimer voll Brei. Hat Jerry auch den gefressen, legt er sich für ein, zwei Stunden nochmal hin. Vormittagsroutine eines Methusalems. Mit weit über 40 Jahren gehört der Schimmel zu den ältesten Ponys des Landes — und gleichzeitig zu den trainiertesten in Heiligenthal.

Jerry — umgerechnet mehr als 120 Menschenjahre alt — bewegt sich fast täglich. Mindes“tens ein-, manchmal auch zweimal. Oft reitet Lennart mit ihm aus, manchmal auch Louis, abends nimmt Besitzerin Maren Klein ihn regelmäßig mit zum Lauftraining. „Wir alle achten darauf, Jerry nicht zu überfordern“, sagt die Heiligenthalerin. „Aber um fit zu bleiben, braucht er die Bewegung.“ Es ist ihr Rezept für ein langes Pferdeleben: sanftes, aber stetes Training kombiniert mit Liebe, Zuwendung — und Sachverstand. „Viele glauben, man kann ein altes Pferd auf die Weide stellen und gut“, sagt sie. Ein Irrtum, der Jerry längst das Leben gekostet hätte.

Ein Methusalem wie der Araber-Welsh-Cop-Mix braucht Rundum-Pflege. Viermal am Tag füttert Maren Klein den fast zahnlosen Senior mit einem speziellen Brei aus Heucops, Wasser, Öl und Mineralien, einmal im Monat kommt der Hufschmied und in regelmäßigen Abständen Tierarzt Dr. Bernhard Ekrod. „Die Bedürfnisse alter Pferde verändern sich“, sagt Maren Klein. „Zähne fallen aus oder werden unbrauchbar, Futter wird schlechter verwertet, viele Pferde verhungern regelrecht auf einer Weide voll Gras.“ Auch Jerry wäre vor Jahren gestorben, hätte sie ihn nicht auf Brei umgestellt. Denn mit seinem Gebiss kann er weder Gras noch Heu fressen.

Später Vormittag, am Waldrand von Heiligenthal. Maren Klein sitzt mit ihrer Familie auf der Terrasse, gleich nebenan, in einem eingezäunten Waldpaddock, döst Jerry im Schatten. Dass er nicht mehr der Jüngste ist, sieht man dem Schimmel an. Dass er uralt ist, ahnt man nicht. Keine herausragenden Knochen, kein Gerippe, stattdessen noch Muskeln an Rücken, Beinen, Bauch und Po. Selbst für Tierarzt Dr. Bernhard Ekrod ist Jerrys Zustand ein kleines Wunder. „Das Pony ist mit Abstand mein ältester Patient“, sagt er, „und ich bin immer wieder erstaunt, wie gut es ihm dafür noch geht.“

Belege dafür, wie alt Jerry genau ist, gibt es nicht. „Nach meinen Berechnungen ist er 48 Jahre alt“, sagt Maren Klein. Ein bisschen jünger, auf gut 40 Jahre, schätzt Tierarzt Dr. Ekrod das Pony. Doch so oder so: Schon heute hat der Schimmel ein biblisches Alter erreicht. Und er könnte eines Tages sogar die Nachfolge der 50-jährigen Madame Nous antreten, Deutschlands ältester bekannter Ponydame. Ein Rekord, der für Maren Klein keine Rolle spielt. „Mir ist nur wichtig, dass es Jerry gut geht.“ Und solange sie dafür verantwortlich ist, scheut die Heiligenthalerin für ihren Ponygreis weder Kos“ten, Zeit noch Mühe.

Allein fast 150 Euro kostet im Monat das Futter für Jerry, dazu kommen die Kosten für Hufschmied, Tier- und Zahnarzt. Viel Geld für ein altes Pony, „doch das bin ich Jerry schuldig“, sagt Maren Klein. 1988 hat sie ihn aus dem Tierheim gerettet, seitdem unzählige Kinder auf seinen Rücken gesetzt, ohne sich je Sorgen machen zu müssen. „Jerry hat sich immer um seine Reiter gekümmert.“

Und auch heute noch erobert der rüstige Greis mit seinem Charme ein Menschenherz nach dem nächsten. Bei Jerrys Versorgung helfen Maren Klein deshalb nicht nur ihre Kinder Louis und Linda sowie der zwölfjährige Lennart, sondern auch dessen Großtante Edda Raddatz. Sie bringt jeden Morgen den ersten Leckerbissen des Tages — das Leibgericht eines fast zahnlosen Methusalem: eine frisch geschälte Banane.