Dienstag , 27. September 2016
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Wie viel ist genug?

ca Lüneburg. Die Politik streitet zwar noch immer über einen gesetzlichen Mindestlohn, doch viele Branchen schaffen längst Fakten – auch das Friseurhandwerk. In drei Schritten soll in der untersten Lohngruppe bis Sommer 2015 ein bundesweit verbindliches Salär von 8,50 Euro pro Stunde gelten. Zum Monatswechsel setzen die Haarhandwerker den ersten Schritt ihres Modells um. Viele Unternehmen sehen Folgen für die Kunden und machen eine simple Rechnung auf: „Steigen die Löhne, steigen die Preise.“

Für Niedersachsen dürfte das aber wohl vorerst nicht gelten, glaubt ver.di-Sekretär Benjamin Roscher. Der Gewerkschafter: „Wir haben seit 2009 einen Entgelttarifvertrag für Niedersachsen, der allgemeinverbindlich für alle Betriebe gilt. Derzeit sieht der einen Mindestlohn von 7,51 Euro in der untersten Lohngruppe vor. Damit kommt der bundesweite Mindestlohntarifvertrag erst zum Tragen, wenn die stufenweise Erhöhung eintritt. Außerdem gab es dieses Jahr mit der Innung zusammen eine gemeinsame Tarifempfehlung in Niedersachsen, daher bezahlen einige der Innungsbetriebe drei Prozent mehr.“

Für Stadt und Kreis geht Innungschefin Christiane Trilck davon aus, dass schon heute etliche der 35 Innungsbetriebe einen höheren Stundenlohn ansetzen. Sie selbst zahle Mitarbeiterinnen in ihrem Salon in Neuhaus 8 Euro die Stunde. Das gelte aber nicht für angelernte Kräfte. Sie ärgert sich über Medienberichte, nach denen manche Coiffeure vor allem im Osten der Republik Beschäftigte mit weniger als 4 Euro die Stunde abspeisen. Das möge es geben, aber: „Sie finden keine gute Kraft, die für das Geld arbeitet. Wer das tut, hat auch selbst schuld.“ Laut Kreishandwerkerschaft Lüneburg liegt die Tarifempfehlung in Niedersachsen für frisch ausgelernte Gesellen bei 7,84 Euro, wer schon länger im Beruf ist, sollte 8,82 Euro erhalten. Trilck macht aber auch auf den hohen Wettbewerbsdruck aufmerksam, unter dem viele Kollegen stünden. Allein im Amt Neuhaus wisse sie von fünf Salons: „Das ist eigentlich zu viel für 4500 Einwohner.“ Preise müssten da knapp kalkuliert werden.

Gewerkschafter Roscher erzählt allerdings davon, dass in den Frisierstuben oft auf Mini-Jobber gesetzt werde, da sei kein Auskommen mit dem Einkommen: Die Kollegen steuern als sogenannte Aufstocker die Arbeitsverwaltung an, um Beihilfe zu beantragen. Ein Lichtblick sei, dass inzwischen einige der großen Friseurketten wieder in die Innungen zurückgekehrt seien, damit erkennen auch sie die Tarifbindung an, die sonst für Nichtmitglieder nicht gilt, es sei denn, der Tarifvertrag wurde für allgemeinverbindlich erklärt. Das soll mit der 2015 greifenden Mindestlohnregel so sein.

Denn manches liege im Argen: „Immer wieder kommt es trotz der Allgemeinverbindlichkeit zu falschen Arbeitsverträgen, so wird vermehrt bei Filialbetrieben ein anderes Bundesland eingetragen, etwa der Sitz der Zentrale. Trotz des eindeutigen Geltungsbereiches versuchen Arbeitgeber, so unseren Tarifvertrag zu umgehen. Mit einem bundesweiten Abschluss wird auch dieser Taktik vorgebeugt, spätestens wenn eine Allgemeinverbindlichkeitserklärung ausgesprochen wurde.“