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Claudia läuft sich frei

Von Anna Sprockhoff
Stove. Ihre Karriere als Favoritin beginnt als Außenseiterin. Bei einer Traber-Auktion in den Niederlanden steht Claudia als Einjährige zum Verkauf, eine zierliche braune Stute ohne Potenzial – glauben zumindest die Käufer an diesem Tag. Bei gerade mal 300 Euro fällt der Hammer, Claudia geht als günstiges Mitbringsel in den deutschen Rennstall von Jockey Jochen Holzschuh. Drei Jahre später steht die Stute beim 139. Stover Rennen als Favoritin auf der Grasbahn hinterm Elbdeich. Um 12.38 Uhr fällt in sengender Hitze und vor rund 10 000 Zuschauern der Startschuss. Es ist das 16. Rennen der Vierjährigen. Sechs davon hat Claudia bereits gewonnen.

Die Traber donnern die erste Gerade entlang, Siegprämie beim zweiten Toto-Rennen des Tages: 1000 Euro. Mehr als sieben Stunden ist Claudia zu diesem Zeitpunkt auf den Beinen, vier davon stand sie auf dem Transporter. In Datteln bei Recklinghausen haben Jockey Jochen Holzschuh und Besitzerin Julia Knoch sie um 5.45 Uhr verladen, um 9.45 Uhr hat sie zum ersten Mal in ihrem Leben den Stover Elbdeich gesehen. Claudia wirkt fit, Holzschuh macht sich Hoffnungen. Seine einzige Befürchtung: „die engen Bögen“ der Ovalbahn.“ Für die junge Stute eine Premiere.

Der erste Bogen liegt vor ihr, Claudias Nüstern beben, unter ihren Hufen fliegt der Rasen. Auf der Außenbahn legt sie sich in die Kurve, in der Brust ihres Jockeys schlägt das Herz schneller. Holzschuhs Gedanken rasen. Kontrolle behalten. Galopp verhindern. Vorbeiziehen. Führung übernehmen. Siegen. Claudia scheint zu fliegen, der Sulky schwerelos zu werden. Durch die Bahnlautsprecher dröhnt die Stimme des Moderators: „Claudia geht in Führung! Claudia zieht vorbei! Claudia führt! Claudiaaaa!“ Im ersten Bogen hat sich die Stute an die Spitze gesetzt. Holzschuh lässt sie laufen, er glaubt zu wissen: Sie will gewinnen.

Zur selben Zeit auf dem Richterturm. Der Computer zählt die Wetteinsätze an den Kassen. Zehn Pferde sind beim „Buchmacher Albers-Rennen“ an den Start gegangen, 626 Euro wurden auf Favoritin Claudia gesetzt. Daraus errechnet das Programm ihre Quote: Gewinnt sie das Rennen, verdoppelt sich der Einsatz. „Das heißt, wer zehn Euro auf sie gesetzt hat, kriegt 22 Euro wieder“, sagt Toto-Berater Hans-Werner Clasen. Eine typische Favoriten-Quote. „Setzen viele Leute auf ein Pferd und es gewinnt, ist die Quote niedrig, setzt nur einer auf den Sieger, ist die Quote hoch.“ Rechenkunst, die in Claudias Welt nicht existiert. Sie rast auf den zweiten Bogen der Grasbahn zu. Noch immer an der Spitze des Rennfelds.

Minuten später. Die Stute steht vor dem Richterpult. Dicke Adern an Kopf und Körper, ihre Atmung pumpt, die Nüstern sind gebläht, die Augen aufgerissen, das Fell ist schweißnass. An Claudias Trense hängt eine gelbe Schleife, um ihren Hals ein Kranz aus Eichenzweigen. Die Favoritin hat gewonnen. Zum siebten Mal in ihrem Leben. An ihrer Seite strahlt Jochen Holzschuh in die Kameras. Ruhm, von dem die Stute nichts wissen will. Sie schlägt mit dem Kopf nach beißenden Pferdebremsen, tritt nervös vor und zurück. Gleichzeitig ist durch die Bahnlautsprecher die Stimme ihres Jockeys zu hören. „Dieses Pferd ist einfach fantastisch.“

Zurück auf dem Sattelplatz. Claudia lässt entspannt die Unterlippe hängen, während Julia Knoch ihr den Schweiß abwäscht. Die Favoritin hat sich auf der Stover Grasbahn eine Rennpause erlaufen. „Heute und die nächsten drei Tage hat sie frei“, sagt Jochen Holzschuh. Zurück zu Hause darf sie mit den anderen Trabern auf der Koppel herumtoben, weder als Außenseiterin, noch als Favoritin – bis Mittwoch ist Claudia einfach nur Pferd.