Mittwoch , 28. September 2016
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Zweifel an Studie über prügelnde Ehefrauen

ca Lüneburg. Der Mann hatte gegen seine ständig trinkende Frau keine Chance, sie verprügelte und demütigte ihn. Jahrelang. Er fügte sich in das Los. Es dauerte, bis er endlich Hilfe suchte und fand. Das Schicksal aus dem Landkreis Lüneburg dürfte kein Einzelfall sein, wenn man denn einer Gesundheitsstudie des Robert-Koch-Instituts Glauben schenkt, über die Spiegel Online kürzlich berichtet hat – mit einer verblüffenden Botschaft: Nicht wie seit Jahren immer wieder berichtet seien Männer die größten Schläger in Beziehungen, sondern Frauen. 6000 Erwachsene seien befragt worden. Ergebnis: Frauen seien „häufiger als Männer Ausübende körperlicher Partnergewalt“. Es gehe um Schläge, Tritte, das Ziehen in den Haaren, aber auch um psychische Gewalt.

An diesen Aussagen haben Hauptkommissarin Eleonore Tatge und Hanna Schütz vom Lüneburger Beratungsbüro Biss große Zweifel. „Es gibt solche Fälle, aber die Zahl ist verschwindend gering“, bilanziert Schütz. „Andere Untersuchungen belegen, dass Gewalt in der Regel von Männern ausgeht.“ Eher sei inzwischen zu beobachten, dass Täter den Spieß umdrehten: Habe sich ihre Partnerin bei einer Attacke gewehrt, riefen sie die Polizei, um die Frau der Gewalt zu bezichtigen.

Eleonore Tatge verweist auf die Kriminalstatistik. Danach werden Männer in zehn Prozent der erfassten Fälle zum Opfer. Darunter fielen aber auch Konflikte häuslicher Gewalt, bei denen zum Beispiel Väter und Söhne aufeinander losgehen. Und: Das Zahlenwerk sei eine Verdächtigenstatistik. Will heißen: Jemand kann zwar behaupten, zum Opfer geworden zu sein, doch die Ermittlungen können später zu einem anderen Ergebnis führen, nämlich, dass eine Frau in Notwehr zugeschlagen hat.

Dass es einem Mann, der Opfer weiblicher Gewalt geworden ist, schwerer fällt, sich Hilfe zu suchen, bestreiten aber auch die Fachfrauen nicht. Es kratzt am männlichen Selbstverständnis, als Vertreter des vermeintlich starken Geschlechts die Schwäche gegenüber einer doch eigentlich unterlegenen Frau zuzugeben. Trotzdem glauben Eleonore Tatge und Hanna Schütz nicht, dass ein riesiges Dunkelfeld besteht. Denn in den überwiegenden Fällen rufen Verwandte und Nachbarn die Polizei zu Hilfe, wenn es nicht mehr um Liebe, sondern um Hiebe geht.

Seitdem Niedersachsen 2002 das Gewaltschutzgesetz eingeführt hat, das Opfern mehr Hilfe zubilligt und es der Polizei ermöglicht, einen prügelnden Partner für mehrere Tage vor die Tür der gemeinsamen Wohnung zu setzen, wird die Streife gut viermal häufiger alarmiert: 2002 rückte die Polizei in Stadt und Kreis zu 63 Einsätzen in diesem Deliktsfeld aus, zehn Jahre später waren es 257. Experten meinen jedoch, nicht die Gewalt habe zugenommen, sondern die Sensibilität, es werde also eher Hilfe gerufen.

Eine Empfehlung bleibt aber dieselbe, egal, ob Betroffene weiblich oder männlich sind. „Opfer glauben, der Fehler liege bei ihnen, sie müssten sich ändern“, sagt Eleonore Tatge. Wenn sie das täten, werde alles besser. „Aber das nutzt nichts, der Täter muss sich ändern, oder man muss sich aus so einer Beziehung lösen.“