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Baustopp in Adendorf - wegen möglicherweise nicht zulässiger zusätzlicher Geschosse (im Bild rechts) hat der Landkreis die Sanktion verhängt. Foto: t & w
Baustopp in Adendorf - wegen möglicherweise nicht zulässiger zusätzlicher Geschosse (im Bild rechts) hat der Landkreis die Sanktion verhängt. Foto: t & w

Die Hängepartie mit dem Eigenheim

pet Adendorf. Ihren Traum wollten sie sich erfüllen. Das eigene Dach über dem Kopf, ein schmuckes Reihenhäuschen im Adendorfer Norden, im Baugebiet Sternengrund. 30 Familien und Paare unterschrieben in den letzten Jahren Kauf- und Notarverträge, nahmen hohe Kredite auf. Für manche von ihnen ist der Traum zu einer dramatischen Hängepartie geworden. Familien wohnen bis zu zwei Jahre nach Vertragsabschluss, immer noch nicht in ihrem Eigenheim. Über Baupfusch klagen die einen. Den Abriss von Staffelgeschossen, die ihnen vom Bauträger als weiteres Obergeschoss verkauft worden waren, müssen andere befürchten. Der Bauträger bestreitet die Vorwürfe, sieht die Rechtslage anders.

Ingo Mehlhorn hat im Spätsommer 2012 den Notarvertrag für sein Endreihenhaus im 4. Bauabschnitt unterschrieben. „Die vom Bauträger garantierte Bauzeit betrug acht Monate“, berichtet er, auf den Mai 2013 hoffte er als Einzugstermin. Aber erst nach dem langen Winter 2012/2013 hätten die Bauarbeiten begonnen, seien die Bodenplatte geschüttet, der Rohbau hochgezogen worden.

Aber statt des erhofften Einzugs im Spätsommer 2013 kam der Schock – durch Zufall erfuhr Mehlhorn, dass der Landkreis Einwände gegen die Staffelgeschosse hat. Zwei davon waren zu diesem Zeitpunkt schon fertiggestellt, für das dritte, das von Ingo Mehlhorn, wurde ein Baustopp verhängt. Seit Mitte September tut sich auf dem Bau nichts mehr.

Ein Gespräch zwischen Bauträger, Landkreis und Gemeinde brachte kein Ergebnis, jetzt liegt das Heft des Handelns beim Landkreis. Der hatte für die ersten beiden Bauabschnitte im Sternengrund die Genehmigung erteilt, für die Abschnitte 3 und 4, wo Ingo Mehlhorn gebaut hat, eine Baumitteilung erhalten – in der die Staffelgeschosse aber nicht enthalten waren. Auf Bitten der Gemeinde Adendorf prüfte der Kreis die betroffenen Häuser und stellte fest, so Kreissprecherin Frauke Noweck, „dass der Bau nicht mit einer Festsetzung des Bebauungsplans übereinstimmt“.

Noweck weiter: „Aus Sicht des Landkreises ist nicht auszuschließen, dass ein Rückbau angeordnet werden muss. Derzeit prüft der Landkreis ein Schreiben der Rechtsanwälte der Betroffenen. Diese Prüfung ist frühestens im Laufe dieser Woche beendet.“ Eine negative Entscheidung des Kreises hält auch Ingo Mehlhorn nicht für ausgeschlossen, hofft für den Fall auf Entgegenkommen der Gemeinde: „Vielleicht ist doch eine Änderung des Bebauungsplans möglich.“

Zuversichtlich, was den Erhalt der Staffelgeschosse angeht, ist Stephan Hoppmann von H&D Hausbau, der auf LZ-Anfrage antwortet: „Nach unserer Lesart des Bebauungsplanes sind die Staffelgeschosse so zulässig und decken sich mit den Anforderungen des Bebauungsplanes. Unsere Meinung wird uns auch von unseren Fachanwälten bestätigt. Wir sind . . . dabei, auch den Landkreis von unserer Sichtweise zu überzeugen.“

Noch länger dauert die Hängepartie für Holger und Stefanie Vagt – einer von mehreren Fällen, die der LZ bekannt sind. Ende 2010 war das Paar auf der Suche nach einer größeren Wohnung – das zweite Kind war unterwegs. Im März 2011 unterschrieben die Vagts bei einem Makler den Kaufvertrag für ein Reihenhaus im 1. Bauabschnitt, seit Juli 2011 zahlen sie Miete für ihre Wohnung in Lüneburg, dazu Zinsen und Tilgung für das neue Haus – eingezogen sind sie noch nicht. „Wegen zahlloser Mängel“, sagen sie. Eine hohe finanzielle Belastung für das Paar mit zwei Töchtern. Ob Urlaub, Besuch bei Großeltern in den neuen Bundesländern oder mal der Döner zwischendurch – „wir verkneifen uns alles“, sagt Holger Vagt, „aber wir geben nicht auf, wir tun es für die Kinder“.

Erst im September 2011 erteilte der Landkreis Lüneburg für die Reihenhäuser die Baugenehmigung, im November begannen die Bauarbeiten, im Dezember, das Dach war gerade geschlossen, wurde an einer Innenwand ein großer Wasserfleck festgestellt. Holger Vagt: „Die nasse Dämmung im Dach wurde schnell getauscht, aber der feuchte Dachstuhl wurde sofort wieder verschlossen.“

Anfang 2012 schalteten die Vagts einen Gutachter ein – der urteilte: „Die Fenster sind auszubauen und mit nachweislich ausreichender Befestigung wieder einzusetzen.“ Weiter: „Die Verblendschale ist wegen der mangelhaften Verankerung . . . vollständig zu erneuern.“ Und: „Die gesamte Dachkonstruktion mit allen daran oder darin befestigten Schichten und Bauteilen“ sei zu erneuern, „sollten sich die Mängelbehauptungen des Brand- und Schallschutzes bewahrheiten“.

Die Vagts behielten Geld von ihrer Rechnung ein, hoffen nun auf das Landgericht Lüneburg. Holger Vagt: „Im März 2013 haben wir Klage eingereicht.“ Die Klage lautet auf „Auflassung“, was heißt, dass die Besitzrechte vom Bauträger an die Vagts übergehen. Deren Hoffnung: „Dass wir die einbehaltene Summe zur Beseitigung der Mängel verwenden können.“

Auch auf die Klagen der Familie Vagt antwortet Stephan Hoppmann von H &D, verweist auf einen Ortstermin vor wenigen Tagen. „Die durch den Sachverständigen des Bauherrn behaupteten Mängel werden durch den gerichtlich bestellten Sachverständigen nicht bestätigt. Im Gegenteil: Die Ausführung ist weitestgehend mangelfrei.“ Noch liegen nicht alle Gutachten vor. „Zu denen werden wir dann Stellung nehmen“, so Holger Vagt.

Ingo Mehlhorn hofft auf den Landkreis und die Gemeinde, die Vagts hoffen auf das Landgericht. Wann sie endlich einziehen können – sie wagen kaum noch eine Prognose. Mehlhorn: „Wenn alles gut läuft, vielleicht im Sommer 2014 oder auch erst 2015.“ Und Holger Vagt meint: „Vielleicht im nächsten Sommer.“