Aktuell
Home | Lokales | Adendorf | „Stolperstein“ für Wilhelm Wiese
Das war am 10. Oktober 2012. Günter Demnig verlegt vor der Adendorfer Dorfschule einen Stolperstein für Wolfgang Mirosch  am 3. Oktober ist Demnig wieder zu Gast, um einen Stolperstein zu installieren. Foto: pet
Das war am 10. Oktober 2012. Günter Demnig verlegt vor der Adendorfer Dorfschule einen Stolperstein für Wolfgang Mirosch  am 3. Oktober ist Demnig wieder zu Gast, um einen Stolperstein zu installieren. Foto: pet

„Stolperstein“ für Wilhelm Wiese

pet Adendorf. Seit knapp zwei Jahrem wird an Wolfgang Mirosch, Sinto und als nicht einmal Neunjähriger im Konzentrationslager Auschwitz verhungert, in Adendorf durch einen ,,Stolperstein“ erinnert. Jetzt soll Adendorf einen zweiten Stolperstein bekommen: Erneut hat sich ein Wahlpflichtkursus der neunten Klassen der Oberschule am Katzenberg mit dem Nationalsozialismus beschäftigt. Installiert werden soll nun ein Stolperstein für Wilhelm Wiese, Sozialdemokrat, ehemals Bürgermeister von Adendorf, Mitglied des Hannoverschen Provinziallandtags und am 17. März 1945 im KZ Neuengamme nach offizieller Lesart ,,an Lungenentzündung“ gestorben.

Am Donnerstag, 25. September, 19 Uhr, wird der Schulausschuss der Gemeinde Adendorf in einer gemeinsamen Sitzung mit dem Ausschuss für Bau, Verkehr und Grünflächen über die Verlegung des Stolpersteins diskutieren. Schüler des Wahlpflichtkurses, der von Lehrerin Ruthild Raykowski geleitet wird, werden über die Ergebnisse ihrer Recherchen berichten. Verlegt werden soll der Stolperstein am Freitag, 3. Oktober, um 16 Uhr vor dem Rathaus in Adendorf.

Der Kölner Künstler Günter Demnig hatte die Idee des „Stolpersteins“ Anfang der 1990er-Jahre entwickelt. Die Steine erinnern an die Opfer aus der Zeit der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft, die Messingtafeln werden in der Regel an dem letzten selbstgewählten Wohnort der Opfer in den Gehweg eingebracht der war im Falle von Wilhelm Wiese am heutigen Köhlerweg, von wo er auch seine Amtsgeschäfte führte. Wegen der höheren Passantenfrequenz soll der Stolperstein für Wiese vor dem heutigen Rathaus verlegt werden. Demnigs Idee: „Ein Mensch ist erst vergessen, wenn sein Name vergessen ist.“

Wilhelm Wiese wurde 1891 in Lüneburg geboren, er war Gärtner und Landwirt, kämpfte im Ersten Weltkrieg, zog 1919 nach Adendorf, in den heutigen Köhlerweg. Von 1922 bis 1932 war SPD-Mitglied Wiese Bürgervorsteher und damit Bürgermeister der damals noch unbedeutenden Gemeinde Adendorf. Er galt als Förderer des Baus von Siedlungshäusern, um die Wohnungsnot in Adendorf zu linden. Von 1929 bis 1932 gehörte der Adendorfer dem Landtag in Hannover an.

Ein Jahr, nachdem der Sozialdemokrat seine Ämter niedergelegt hatte die Nationalsozialisten hatten die Macht in Deutschland übernommen wurde Wilhelm Wiese wegen angeblicher finanzieller Unregelmäßigkeiten zu einer Gefängnisstrafe verurteilt. Ob die Verurteilung mit Wieses Aktivitäten als Sozialdemokrat zusammenhängt, ist nicht abschließend geklärt.

Nach seiner Entlassung, zwischen 1936 und 1944, arbeitete Wiese jedenfalls in Lüneburg im Straßenbau, ehe er im Spätsommer 1944 in ,,Schutzhaft“ und ins KZ Neuengamme gebracht wurde. Hintergrund: Nach dem misslungenen Attentat auf Adolf Hitler am 20. Juli 1944 wurden ehemalige Parlamentarier der demokratischen Parteien aus der Zeit der Weimarer Republik im Zuge der ,,Aktion Gewitter“ (auch ,,Gitter“) verhaftet. An Wilhelm Wiese wird bereits auf einer Gedenktafel für ,,Die Opfer des Nationalsozialismus unter den Parlamentariern aus niedersächsischen Gebieten“ im Landtag in Hannover erinnert.

Adendorfs ehemaliger, inzwischen verstorbener, Bürgermeister Rainer Stoephasius hatte die Schüler auf das Schicksal von Wilhelm Wiese aufmerksam gemacht. Die Mädchen und Jungen sprachen mit Zeitzeugen, erkundigten sich bei Politikern und Behörden, recherchierten bei der Gedenkstätte Neuengamme und beim Internationalen Suchdienst (ITS) in Bad Arolsen.

Weiterer Punkt auf der Tagesordnung der heutigen Ausschusssitzung ist der geplante Umbau des Atriumbereichs der Grundschule am Weinbergsweg zu einer Mensa mit Küche.