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Australierin schnackt op Platt

lkö Bardowick. Lotte Jansen blättert durch einen Bildband, „Bardowick in alten Ansichten“. Zwischendurch ruft sie laut: „Oh, die kenn ich noch!“ Häuser, Bekannte, alte Schulfreunde. Fast zu jedem Bild hat die alte Dame eine Anekdote parat. „Das ist das Bardowick, in dem ich aufgewachsen bin“, sagt die 86-Jährige und lächelt.

Lotte Jansen stammt aus einer Binnenschifferfamilie. Drei Mal die Woche wurde das Schiff „Emma“ mit Salz oder Gemüse beladen und fuhr von Bardowick zum Hamburger Großmarkt. Lotte Jansen hat immer mal mitgeholfen, aber eigentlich schnell gemerkt: „Ich hatte keine Lust auf Landwirtschaft. Und ich wollte nicht in Bardowick bleiben, ich wollte weg.“

Mit 35 Jahren ist sie dann mit Mann und Sohn im Gepäck nach Australien ausgewandert. „Das war eigentlich Zufall“, erinnert sich die Bardowickerin. Die Tochter ihrer Freundin Erna ist nach Australien gegangen. Von da an kamen immer wieder Briefe, in denen sie von Land und Leuten schwärmte. „Irgendwann sagte die Erna zu mir: ,Du, Lotti, ich glaub‘, ich geh‘ auch nach Australien.“ Da fing auch Lotte Jansen an zu grübeln. Kurz darauf ging sie mit ihrer Familie in Bremerhaven an Bord eines großen Schiffes. Fünf Wochen dauerte es bis Melbourne. „Ach, das war nicht so schlimm. Das Essen war gut, und wir hatten auch oft Landgang“, erinnert sich Lotte Jansen an die Überfahrt. Als die Jansens in ihrer neuen Heimat ankamen, waren sie zum Glück nicht allein: Erna hatte ihnen eine kleine Wohnung besorgt. Lottes Mann Wilhelm war gelernter Friseur, fand aber kein geeignetes Angebot. Also nahm er einen Job bei Ford an. Autobau. Aber das ging nicht lange gut. „Willi hatte Friseurhände, die kann man da nicht ins Teerbad halten. Das ging nicht“, erklärt die Bardowickerin. Später bekamen Wilhelm und auch Lotte Jansen Arbeit bei der Elektrofirma Ericsson, Sohn Peter ging zur High School. Es lief gut für die kleine Familie. „Nach drei Jahren konnten wir uns ein eigenes Haus leisten“, erinnert sich Jansen. Sohn Peter hat mittlerweile eine eigene Familie, Lotte Jansen ist Urgroßmutter. Auch als ihr Mann Wilhelm verstarb, dachte sie nicht daran, nach Bardowick zurückzukehren: „Ich habe meine Freunde und Familie hier.“ Seit vielen Jahren lebt sie jetzt in Cleveland, einem Vorort von Brisbane.

Seitdem Lotte Jansen ausgewandert ist, war sie nur zwei Mal zu Besuch in Bardowick. Jetzt ist sie für ein paar Wochen da und besucht fast jeden Tag alte Bekannte und Freunde. Während all der Jahre hat Lotte Jansen immer Kontakt zu ihrer Heimat gehalten. „Sie weiß besser über das Dorfleben Bescheid als ich“, gibt Großnichte Janine Harms lachend zu. Früher waren es Briefe, heute telefoniert Lotte Jansen viel mit Familie und Freunden: „Dann schnacken wir im Bardowicker Platt und erzählen uns, was so los ist.“ Viele schicken ihr auch ein Stück Norddeutschland ans andere Ende der Welt: aufgenommene Folgen vom Ohnsorg Theater oder von „Neues aus Büttenwarder“ auf Videokassetten. Obwohl Lotte Jansen das Auswandern nie bereut hat, so ganz ohne Norddeutschland geht es eben doch nicht.