Mittwoch , 28. September 2016
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Willi Sgodzaj zeigt im Kirchturm von St. Dionys die Erinnerung an ein trauriges Stück Geschichte. Dort findet man nur noch eine einzige Kirchenglocke, obwohl Platz für zwei ist. Die zweite Glocke ist im Zweiten Weltkrieg beschlagnahmt, eingeschmolzen und verhüttet worden. Foto: t&w
Willi Sgodzaj zeigt im Kirchturm von St. Dionys die Erinnerung an ein trauriges Stück Geschichte. Dort findet man nur noch eine einzige Kirchenglocke, obwohl Platz für zwei ist. Die zweite Glocke ist im Zweiten Weltkrieg beschlagnahmt, eingeschmolzen und verhüttet worden. Foto: t&w

Der Krieg und die Glocken

off St. Dionys. Der Aufstieg des Glockenforschers beginnt am Fuße einer gewundenen Holztreppe. Schon seit Jahren hat Willi Sgodzaj den Kirchturm von St. Dionys nicht mehr betreten, nun knirscht Staub unter seinen Schuhsohlen, als er die erste der 29 Stufen betritt. Bedächtig, die rechte Hand um das glattgeschliffene Geländer gelegt, steigt der 71-Jährige das schmale Backsteingemäuer hinauf, sein Ziel: der Glockenstuhl, Herzstück des Kirchturms — und ein Ort, der Weltgeschichte erzählt. Denn als Sgodzaj die letzte Stufe genommen hat, findet er aufgehängt im Gebälk nur eine Glocke. Der zweite Glockenplatz ist leer — ausgeräumt im Auftrag der Nationalsozialisten im Mai 1942.

Auf der Straße und der Schiene ist die Bronzeglocke von St. Dionys damals nach Hamburg gefahren, eingeschmolzen, verhüttet und in der Kriegsindustrie verarbeitet worden. Ein Schicksal, das sie mit Tausenden anderen deutschen Kirchenglocken teilt, die in den beiden Weltkriegen beschlagnahmt und zerstört wurden.

Auch die Kirche St. Dionys traf es mehr als einmal, „schon im Ersten Weltkrieg wurde eine der Glocken eingeschmolzen und verhüttet, im Zweiten Weltkrieg außerdem noch die Uhrschlagglocke außen am Turm zerstört“, sagt Sgodzaj. Der ehemalige Berufssoldat kennt die Geschichte aller Kirchenglocken im Kreis Lüneburg — und wird darüber nun im Scharnebecker Gemeindehaus einen Vortrag halten.

Mehr als drei Jahre lang hat der Hobbyhistoriker aus Scharnebeck recherchiert, Glockenstühle zwischen Artlenburg und Wehningen erklommen, er hat sich durch unzählige Archive gearbeitet, Glockengießereien, Museen und die Norddeutsche Affinerie besucht. Warum ausgerechnet Glocken? „Zufall“, sagt Sgodzaj. Bei seiner Arbeit im Scharnebecker Heimatkundeverein ist er 2000 nebenbei auf das Thema gestoßen und musste feststellen: Es ist im Landkreis Lüneburg nahezu unerforscht. Also fing er an zu suchen — und hörte erst drei Jahre später wieder auf, als er alle Glockenschicksale aus dem Kreis zusammengetragen hatte. Heute steigt der 71-Jährige nur noch selten Kirchtürme hinauf, „alles was ich wissen muss, habe ich dokumentiert“, sagt er. Auch über St. Dionys. Der dortigen Kirche erging es wie vielen im Landkreis Lüneburg: Man nahm ihr in beiden Weltkriegen mindestens eine Glocke. Andere Kirchen im Kreis hatten mehr Glück. Entweder weil sie nur eine einzige Glocke hatten „und jede Kirche eine behalten durfte“, sagt Sgodzaj. Weil ihre Glocken aufgrund ihres wissenschaftlichen, geschichtlichen oder künstlerischen Wertes verschont geblieben sind. Oder weil ihre Glocke zwar beschlagnahmt, aber nicht eingeschmolzen wurde und nach dem Krieg zurückkehrte.

Die St. Dionyser erhielten nach den Kriegen keine ihrer Glocken zurück. „Dafür sammelte die Kirchengemeinde 1934 Geld, um einen Ersatz zu schaffen für die im Ersten Weltkrieg gebliebene Glocke“, sagt Sgodzaj. Am 29. April 1934 wurde die Johannisglocke mit einer Abbildung von Johannes dem Täufer schließlich eingeweiht — und überstand als einzige der drei St. Dionyser Glocken den Zweiten Weltkrieg.

Die anderen beiden Instrumente — ein weiteres im Kirchturm und ein kleineres außen am Gemäuer — mussten abgeliefert werden. Und eine Kirche mit ursprünglich drei Glocken blieb mit nur einer einzigen zurück. Anfang der 1950er-Jahre wurde schließlich die kleine Außenglocke ersetzt, doch der zweite Glockenplatz im Kirchturm blieb leer. Und ist bis heute verwaist. Eine stumme Erinnerung an das Kriegsschicksal Tausender deutscher Kirchenglocken. Der Vortrag von Willi Sgodzaj beginnt am Freitag, 25. Oktober, um 19 Uhr im Gemeindehaus der St. Marienkirchengemeinde Scharnebeck, Hauptstraße 50.

One comment

  1. Natürlich ist es schön , wenn sich jemand vor Ort mit den Glocken beschäftigt und diese klanglichen Schätze bekannt macht. Aber dass das Thema Glocken im Landkreis Lüneburg vorher nicht bearbeitet worden wäre, ist schlichtweg unzutreffend, denn nicht umsonst gibt es in Lüneburg einen Hermann-Wrede-Weg, benannt nach Hermann Wrede (gestorben 1936) , der in den Lüneburger Museumsblättern seit 1904 die Glocken der Stadt und des Landkreises beschrieben hat ud miterleben mußte, wie im 1. Weltkrieg bereits auch bedeutende Gießwerke wie die Wachtglocke von St. Johannis von 1687 dem Kriegswahn geopfert wurden.
    Davon abgesehen gibt es im Landeskirchenamt in Hannover auch eine Glockenkartei , in der alle Glocken der dazu gehörigen Kirchen erfasst sind, insbesondere die historischen Glocken hat der frühere Glockensachverständige Dr. Karl-Friedrich Waack während seiner Amtszeit in den 70er und 80er Jahren im Detail aufgenommen.
    Was allerdings fehlt, ist ein publizierter Glockenatlas, wie er seit Jahrzehnten für Baden-Würrtemberg vorliegt und den eine Glockenlandschaft auch verdient hätte, die immer noch so großartige Werke besitzt wie die Lüneburger Apostelglocke des Meisters Ghert Klinghe von 1436 in St. Johannis oder die noch älteren romanischen Glocken im Bardowicker Dom , um nur zwei „prominente“ Beispiele zu nennen .