Donnerstag , 8. Dezember 2016
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Gemüsebauer Jens Warnecke pflückt auf seinem Acker bei Bardowick Rosenkohl. An bis zu einem Meter hohen Stauden wachsen die Röschen, die man entwedet liebt oder hasst. Fünf bis sechs Kilo erntet Warnecke pro Pflanze. Foto: t&w
Gemüsebauer Jens Warnecke pflückt auf seinem Acker bei Bardowick Rosenkohl. An bis zu einem Meter hohen Stauden wachsen die Röschen, die man entwedet liebt oder hasst. Fünf bis sechs Kilo erntet Warnecke pro Pflanze. Foto: t&w

Rosenkohl am Stiel

off Bardowick. Neulich auf dem Gemüseacker fragte ihn ein älteres Ehepaar, was für Pflanzen das auf seinem Feld seien. Jens Warnecke musste grinsen, wie immer, wenn diese Frage kommt, dann griff er seinen Eimer, ging zur Straße und hielt den Spaziergängern seine Ernte unter die Nase: feldfrische Rosenkohlköpfe. Gepflückt kennt die kleinen Röschen fast jeder, doch wie sie wachsen, ist vielen ein Rätsel. Die LZ hat Bauer Warnecke in sein Rosenkohlfeld bei Bardowick begleitet. Mitten in der Erntesaison.
Der Himmel hängt trüb über der Feldmark, es nieselt, der Wind wirkt eisig trotz milder Temperaturen. Wetter, von dem sich Kohlbauern nicht schrecken lassen. In Gummistiefeln, Blaumann und Fischerhemd geht Warnecke am abgeernteten Grünkohlfeld vorbei, zieht die karierte Mütze tiefer in die Stirn und bleibt vor einem Acker kniehoher, grüner Palmen stehen. „Das ist er“, sagt der 58-Jährige. „Rosenkohl.“
Der untere Teil der meisten Pflanzen ist bereits abgeerntet und erinnert an den Stamm einer Palme. Im oberen Drittel hängen zwischen großen Kohlblättern direkt am Strunk die kleinen Röschen. Bauer Warnecke stapft weiter und findet eine Reihe, die bisher nicht gepflückt wurde: Wie riesige Weintrauben sitzen hier die Rosenkohlköpfe dicht an dicht am gesamten Strunk, nur an der Spitze hängen noch ein paar Blätter. Rosenkohl, wie man ihn nur wenige kennen. Und wie er seit Jahrzehnten auf Bauer Warneckes Feldern wächst.
Der 58-Jährige bewirtschaftet den Bardowicker Gemüsebaubetrieb in vierter Generation, „und Rosenkohl gehörte genau wie Grün- oder Weißkohl eigentlich immer dazu“, sagt er. Geerntet wird die Kohlart von Mitte September bis Mitte März, bei Warneckes noch immer per Hand. „Große Betriebe haben für die Rosenkohlernte bereits Maschinen.“ Darauf verzichtet der Bardowicker bewusst. „Nicht nur weil sich eine Maschine für unseren Betrieb nicht lohnen würde“, sagt er, „sondern weil wir empfindliche Sorten anbauen, die man nur mit der Hand ernten kann.“
Zwei Erntehelfer sind auf Warneckes Gemüsefeldern derzeit im Einsatz, beim Rosenkohl hilft auch der Chef regelmäßig mit. Das Prinzip dabei: „Die Röschen von unten nach oben pflücken, dann wachsen die Stauden nach oben immer weiter.“ Drei-, maximal vier Erntedurchgänge schafft Warnecke, bis die Saison Mitte März endgültig vorbei ist. Keine drei Monate später, Anfang Juni, pflanzt der Bardowicker dann den Rosenkohl für die nächste Saison. Wieder per Hand.
„Auf einer Pflanzmaschine hinterm Trecker sitzen Leute, die die fünf Zentimeter hohen Pflänzchen in einem Abstand von 50 Zentimetern in die Erde setzen“, sagt der Gemüsebauer. Den Sommer über wächst der Rosenkohl dann nach und nach zu stattlichen Palmen heran und bildet die kleinen Kohlröschen aus, die Warnecke später auf dem Wochenmarkt verkauft. Und die eigentlich jeder kennt zumindest nach der Ernte.

Unbrauchbares Gemüse
Früher galt Rosenkohl als unbrauchbares Kraut. Erst intensive Züchtungsarbeit in Belgien um 1785, später auch in Paris und Englang, verwandelten den wilden Kohl in eine schmackhafte Gemüseart. Wie viele Kohlarten soll auch Rosenkohl besonders gesund sein, reich an Kalium und Vitaminen sein. Trotzdem ist das Gemüse umstritten, die einen lieben Rosenkohl, andere hassen ihn. Um einen bitteren Geschmack zu vermeiden, rät Gemüsebauer Warnecke, den Rosenkohl nach dem Putzen abzukochen und danach in neuem Wasser zu garen. Salz und ein wenig Zucker dazu, „dann kann eigentlich nichts schief gehen“. Und noch ein Tipp des Experten: „Nicht die kleinen, sondern die großen Röschen sind die Besten.