Donnerstag , 29. September 2016
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Die Gemeinde Rullstorf hat den Trampelpfad südlich der Kreisstraße 2 mit Unterstützung der Bürger gebaut. Der Sonderpreis Trampelpfad ärgert Bürgermeister Matthias Naß deshalb umso mehr. Foto: t&w
Die Gemeinde Rullstorf hat den Trampelpfad südlich der Kreisstraße 2 mit Unterstützung der Bürger gebaut. Der Sonderpreis Trampelpfad ärgert Bürgermeister Matthias Naß deshalb umso mehr. Foto: t&w

Gemeinden kommen unter die Räder

emi Handorf/Rullstorf. Auszeichnungen „der besonderen Art“ sorgen derzeit im Kreis Lüneburg für Verstimmung: Die Mitglieder der Radverkehrsinitiative „Cycleride“ haben Handorf den ,,Pannenflicken in Gold“ des Jahres 2013 verliehen, als „radverkehrsfeindlichster Kandidat“ unter mehr als neun Nominierten aus ganz Deutschland. Rullstorf wurde der ebenfalls zweifelhafte „Sonderpreis Trampelpfad“ wegen einer „deutlichen Verschlechterung für den Radverkehr“

In Handorf geht es um den gemeinsamen Geh- und Radweg entlang der Hauptstraße (Kreisstraße K49) im Ortskern. Warum dieser Fall bei der bundesweiten Pannenflickenwahl 2013 „vollkommen zu Recht“ auf dem ersten Platz gelandet sei, begründen die Vertreter der Initiative so: „Da unmittelbar westlich der Gemeinde die Bundesstraße 404 verläuft, herrscht auf der K49 ein sehr überschaubares Verkehrsaufkommen und es ist wohl kaum davon auszugehen, dass dem Radverkehr auf der Fahrbahn irgendwelche außerordentliche Gefahren drohen. Dies hat die zuständige Behörde aber nicht davon abgehalten, auf dem einseitig angelegten und lediglich etwa 1,20 bis 1,50 Meter ,breiten Bürgersteig eine Benutzungspflicht für den Radverkehr anzuordnen.“ Auf dem zusätzlich durch Blumenkübel und Pflanzenbeete verengten Weg, der auch noch im Zweirichtungsverkehr befahren werden müsse, würden Radfahrer und Fußgänger so „völlig unnötig gefährdet“.

Die Vertreter der Radverkehrsinitiative kritisieren zudem: „Leider hat Handorf unseren frühzeitigen Hinweis auf die Pannenflicken-Nominierung ungenutzt gelassen und nicht darauf reagiert.“ Das bestätigt auf LZ-Nachfrage Peter Herm. Handorfs Gemeindebürgermeister findet die Auszeichnung „lächerlich“, schließlich habe die Gemeinde nicht die Entscheidungshoheit. „Wenn die von der Initiative noch nicht einmal wissen, wer der Baulastträger ist, sollen sie erstmal ihren Job richtig machen“, schimpft Herm. Für den Radwegebau an Kreisstraßen sei nämlich vielmehr der Landkreis zuständig.

Kreissprecherin Elena Bartels kommentiert auf LZ-Nachfrage: „Zu dem genannten Radweg in Handorf liegen dem Landkreis Lüneburg bislang keine Beschwerden vor, weder von Nutzern noch von Anwohnern.“ Der Kreis habe das Thema Radwege aber bereits grundsätzlich aufgegriffen und damit begonnen, landkreisweit die Radwegsituation gemeinsam mit der Polizei und dem Radverkehrsbeauftragten des Landkreises Lüneburg zu prüfen. „Dazu gehört auch der Radweg in Handorf. Im Zuge dessen wird auch die bestehende Benutzungspflicht überprüft.“

Auch in Rullstorf ist Bürgermeister Matthias Naß „verärgert“ über die unschöne Würdigung. Rullstorf erhielt den „Sonderpreis Trampelpfad“ für den Weg an der Südseite der Kreisstraße 2. Laut „Cycle­ride“ soll der „eine deutliche Verschlechterung für den Radverkehr“ darstellen. In der Begründung heißt es: „Der unbefestigte, etwa einen Meter schmale Trampelpfad wurde im Zweirichtungsverkehr für benutzungspflichtig erklärt, das Radfahren auf der Fahrbahn damit verboten. Abgesehen von dem deutlich schlechteren Fahrkomfort Rennradfahrer kommen kaum durch den Sandweg durch hat die Maßnahme auch eine erhebliche Verschlechterung der Verkehrssicherheit zur Folge.“ Radfahrer aus Richtung Osten müssten wegen des abrupten Fahrbahnverbotes auf freier Strecke „an unbeleuchteter Stelle ungeschützt von der rechten Fahrbahnseite über die Fahrbahn auf den linken Trampelpfad wechseln, der im Winter übrigens nicht geräumt wird“.

Matthias Naß „verstimmt“ der unvorteilhafte Preis, weil der Weg in Eigenleistung gebaut worden ist, „in der Hoffnung, dass der Landkreis das übernimmt“. Schließlich koste die Einrichtung eines solchen Weges einen Ort mit kleinem Budget“ viel Geld. Der Bürgermeister wäre aber bereit, die Beschilderung des Weges prüfen zu lassen. Bartels sagt jedenfalls: „Es ist das Ziel des Landkreises, den sicheren Fahrradverkehr im Kreisgebiet zu fördern.“

Über „Cycleride“

Die bundesweite Initiative von Radfahrern hat sich unter anderem dem Kampf gegen die Benutzungspflicht von Radwegen verschrieben. Sie wurde 2005 von Benutzern des Internetforums des Radsportmagazins „Tour“ gegründet, weil diese ihr Anliegen bei den etablierten Vereinen nicht vertreten sahen.

Jedes Jahr verleiht die Initiative den „Pannenflicken“ an Städte, Gemeinden und Landkreise in ganz Deutschland, „die sich allzu offensichtlich, mitunter grob fahrlässig, nicht an die Gesetze, Vorschriften und Empfehlungen in Bezug auf Radverkehr und Radverkehrsanlagen halten“.

Pannenflicken-Beauftragter Eric Liebold erklärt gegenüber der Landeszeitung: „Die Nominierungen kommen von Radfahrern, die die Stellen dokumentieren und uns melden.“ Knapp ein Jahr lang würden Bilder und Texte gesammelt und gefiltert, ehe die rund 200 Mitglieder über die Plätze abstimmen. Der „Pannenflicken“ soll indirekt für eine überlegtere Verkehrsplanung im Hinblick auf den Radverkehr sorgen.

Weitere Informationen über die Initiative im Internet unter www.cycleride.de.

13 Kommentare

  1. Es ist auch sooo gemein, auf rechtsverbindliche Regelwerke hinzuweisen … Die VwV-StVO zu § 2 Abs. 4 S2 sowie die ERA 2010 verlangen nicht ohne Grund Mindeststandards für Radwege. Diese Mindeststandards sind die Konsequenz der Erkenntnisse der Unfallforschung. Ein handtuchbreiter Radweg birgt ein erhöhtes Unfallrisiko. Am sichersten wird der Radverkehr im Sichtfeld der anderen Verkehrsteilnehmer auf der Fahrbahn geführt. Genau deshalb verlangte das Bundesverwaltungsgericht, daß der § 45 StVO von der Straßenverkehrsbehörde beachtet werden muß. Eine Radwegebenutzungspflicht darf demnach nur dort angeordnet werden, wo nachweislich der Radverkehr auf dem Radweg sicherer unterwegs ist als auf der Fahrbahn. Voraussetzung dafür ist die Erfüllung der Mindeststandards.

  2. Neee, also wirklich, wie können wir Handorfer so etwas nur gut heißen…. und dann auch noch so lassen??? Sorry Ihr Radfahrer, aber wenn ich mich mal so in den Nachbargemeinden umgucke (Wittorf, Oldershausen, Rottorf) habt Ihr es bei uns noch viel zu gut! Auf die Straße geht nicht, da ists auch so schon zu eng, Handorf wurde halt gegründet und erbaut, als es noch keine Autos gab…. Aber natürlich sollten wir jetzt alle Teile unserer Grundstücke abgeben, damit die drei Radfahrer am Tag genug Platz haben, das wäre wohl Eure nächste Forderung… Als ich heute früh die Zeitung aufgeschlagen habe, dachte ich erst, wir hätten heute den 1. April. Leute, habt Ihr nix besseres zu tun? Bei uns fährt man allenfalls Fahrrad aus Lust am Radfahren, im Gegensatz zur Stadt, wo es Sinn macht, dass viele Rad fahren und dann auch besondere Rücksicht genommen wird. Aber bei uns kommt man ohne Auto doch nirgends hin! Außerdem rollt sehr viel Verkehr durch den Ort, wenn wieder irgend so ein Idiot beim Überholen auf der B404 für ne Sperrung gesorgt hat, weil er sich überschätzt hat oder den Kick braucht oder was weiß denn ich, und dann alles durch Handorf zur Anschlusstelle Eichholz oder Marschacht muss. Und ich bleib dabei, es fährt bei uns kaum einer Rad, allenfalls mal zum Edeka im Ort! Und für ein Rad und ne Horde Schulkinder ist der Gehweg breit genug! Ehrlich!

  3. Ich weiß nicht, was mich mehr schockiert, dass solche Zumutungen heutzutage noch gebaut werden, oder das blanke Nicht-Verstehen, was denn daran auszusetzen sei.

    Die beleidigten Reaktionen sind bezeichnend – „Menno, wir haben’s doch SO gut gemeint!“, und was war nochmal das Gegenteil von „gut gemeint“?

    Was die beleidigten Gemeindevertreter, Bürgermeister und sonstigen „Bauträger“ nicht wirklich verstanden haben:
    Mit dem Anbringen des blauen Radwegschildes *bieten* sie ihre Wege den Radlern nicht einfach *an*, sondern sie *zwingen* sie zur Nutzung.

    Und dann müssen sie, das ist doch trivial, auch gewissen Voraussetzungen genügen. Und da in D alles fein säuberlich geregelt ist, sind die mit großem Detailreichtum festgelegt. Man kann ja auch kein Autobahnschild an einem Feldweg aufstellen.

    Die ganze Mini-Affäre belegt eigentlich nur, welchen Stellenwert der Radverkehr immer noch in den Köpfen der Verwaltungen und Entscheider einnimmt: Nämlich keinen. Bei jeden aufgehobenen einzelnen Parkplatz wird mehr Aufwand betrieben als bei jeder auch nuch so gravierenden Entscheidung, die den Radverkehr betrifft.

    Willkommen im 21. Jahrhundert, liebe „gekürte“ Gemeinden (und viele ihresgleichen), *Verkehr* besteht nicht mehr ausschliesslich aus denen mit Motor. Es gibt Gegenbeispiele und es kostet nichts, mal über den Tellerrand zu schauen.
    Viele Gemeinden haben erkannt, dass es *gut* für den „Lebenswert“-Faktor war, sich *aktiv* und *kompetent* um die alternativen Verkehrsarten zu bemühen.

  4. Herr Herm hat immer Recht! Die Kreisverwaltung ist mal wieder Schuld. Wie immer sind es die anderen, die Fehler machen. Nur nicht unser sogenannter „Bürgermeister“! Es hätte doch ein Hinweis seitens Herrn Herm an den Fragesteller gereicht, sich an die wirklich Verantwortlichen zu wenden. Stattdessen blökt er rum und repräsentiert uns Handorfer in der Öffentlichkeit zum wiederholten Mal in seiner vollen Peinlichkeit! Es ist ja auch viel wichtiger über sein Knöllchenschreiben seine überhöhte monatliche „Entschädigung“ wieder in die Gemeindekasse fließen zu lassen.

  5. Liebe Nadine „Wir Radfahrer“ haben doch gar nichts gegen euren Trampelpfad. Ihr dürft euch gerne mit dem ganzen Dorf darauf tummeln, solange „Ich Radfahrer“ den Weg nicht benutzen muss, weil das blaue Schild die Benutzungpflicht anordnet. Also weg mit dem blauen Lolli und alles wird gut. Aber vielleicht solltet ihr noch „Benutzung auf eigene Gefahr“ dranschreiben, nicht dass eure Gemeinde noch verklagt wird, weil dort jemand gestürzt ist.

  6. Diese Rinne soll ein benutzungspflichtiger Radweg sein ??!! Welche „Verkehrsexperten“ sitzen denn da im Rathaus ??!! Den Preis hat die Gemeinde sich redlich verdient !! Übrigens müssen Rennradfahrer diese Rinne garantiert nicht benutzen, da sie eine Gefährdung darstellt und eine Nutzung nicht statthaft ist.

    • Hallo Hubert K.,
      die Gemeinde ist leider zu klein für ein eigenes Rathaus. Unser Ortsvorsteher benötigt leider immer ein wenig Druck um zu agieren. Und meistens kommt dann dabei heraus, dass es ihn ja nichts angeht. Er ist ja schließlich nicht zuständig. Handorf ist ein wirklich beschauliches Örtchen. Aber die Ureinwohner möchten gerne zurück in die Steinzeit. Und wie wir alle wissen: Da gab es noch keine Fahrräder.

      • Stimmt, Handorf ist beschaulich, hab auch nichts dagegen, wenn die Schilder abgenommen werden. Nur Umbauten am Radweg müssen nicht unbedingt sein.

        Ureinwohner? Naja, weiß ja nicht wen Sie da meinen. Könnte natürlich sein, dass Sie die meinen, die stets freundlich grüßen (und nur selten zurückgegrüßt werden), sich an die Verkehrsvorschriften halten, insbesondere was 30er Zonen und Spielstraßen angeht und auch darauf verzichten, die Hamburger Fahrweise in der Umgebung auszuleben, sowie mit einem Rasenmäher innerhalb der Ruhezeiten, langsamen Landfahrzeugen und dem Geruch wieder aufbereiteter Vegetation leben können, der hin und wieder nun einmal da ist, wo Felder bestellt werden.

        • Na gut, klingt ja doch etwas barsch. Viele Neubürger sind eine echte Bereicherung für das Dorf, anderen möchte man raten in die Wüste auszuwandern. Aber alles in allem sind wir hier in Handorf doch zufrieden. Laut LZ-Artikel hat sich auch noch nie ein Anwohner über die Radwege beschwert. Viel Wind zu machen lohnt sich daher nicht. Und hohe Investitionen für Radwege zu tätigen ist in meinen Augen reines Geld-aus-dem-Fenster-werfen. Viel eher sollte man das Geld in die Renovierung unseres Kindergartens stecken, der hat’s nämlich nötig.

      • … und auch keine Autos. Aber da tut Konsequenz weh, Nadine und alle Anderen müssten ja zu Fuß gehen …

  7. Ok, zugegeben, die Schilder hatte ich nicht mit im Blick! Ich fahre da, wo Platz ist, manchmal muss man dann halt absteigen und kurz schieben, geht aber auch. Ansonsten sind aber im Sommer auch einige Freizeitradler unterwegs, dann aber meist auf der Straße. Ich habe mir nur unsere Fahrwege im Vergleich zu denen anderer Orte angesehen und festgestellt, dass wir sogar ausgesprochen großzügig sind. Aber da stehen wohl auch keine Schilder, die dürfen offenbar überall fahren.
    Allerdings muss ich Herrn Herm gegenüber dem „Handorfer“ etwas beistehen, die Knöllchen haben im Regelfall ihre Richtigkeit. Parkende Autos dirket vor der Schule gefährden nun einmal die Kinder. Viel mehr Parkverbote haben wir aber nicht…. Und Verbote müssen halt sein, wenn die Gesellschaft immer mehr auf ICH statt auf Rücksichtnahme setzt und nach Möglichkeit nur zwei Meter zu Fuß gehen möchte. Rettungswege müssen frei bleiben, sonst ist das Geschrei groß, wenn die Sanitäter wegen falsch geparkter Wagen nicht rechtzeitig zum Baggersee kommen können…

    Trotzdem bleibt es dabei, es gibt in Handorf nicht wirklich einen „Fahrradverkehr“. Wir wohnen viel zu weit weg von größeren Ortschaften, damit das Fahrrad eine Alternative zum Auto sein kann. Es fahren bei uns also nur Freizeitfahrer und die sowohl auf dem Radweg als auch daneben…. Sinn machen diese „Preise“ dann eher in Ecken von Lüneburg oder Winsen, wo viel Verkehr herrscht und die Fahrradwege nicht in Ordnung sind.

    • Hallo, danke für die näheren Infos zu Handorf. Es geht in der Diskussion einzig darum, dass irgendein Bürokrat hier offensichtlich rechtswidrig per Verkehrsschild die Radler in eine für den Radverkehr nicht geeignete Rinne zwingt. Das blaue Schid mit dem Fahrrad drin bedeutet Benutzungspflicht. Man muss hier keine baulichen Veränderungen durchführen, man muss nur das wahrscheinlich von einem notorischen Autofahrer dort aufgehängte, nicht statthafte Schild abnehmen. Ansonsten mal die letzte Empfehlung von „Ich Radfahrer“ lesen !!

  8. Soweit ich sehe, entfernt sich dieser Weg teilweise deutlich weiter als 5 m von der Fahrbahn und gehört damit nicht mehr zur Straße. Wenn der Radweg gegenüber den in die Straße einmündenden Straßen auch noch per Z 205 Nachrang gegenüber jenen bekommt, ist er nicht mehr straßenbegleitend und damit nicht benutzungspflichtig.