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Nicht immer ist gleich auf den ersten Blick erkennbar, welche Stoffe in welchen Container gehören. GfA-Mitarbeiter Frank Kieseleit (l.) hilft bei Bedarf mit Rat und Tat.
Nicht immer ist gleich auf den ersten Blick erkennbar, welche Stoffe in welchen Container gehören. GfA-Mitarbeiter Frank Kieseleit (l.) hilft bei Bedarf mit Rat und Tat.

Blindgänger sind die Ausnahme

us Lüneburg. „Man merkt, dass es Frühling wird.“ Frank Kieseleit steht auf dem großen Platz und blickt auf die Autos, die vor den blauen Containern halten. „Die Leute fangen an aufzuräumen, die Zahl der Kleinanlieferer nimmt zu“, sagt der Mitarbeiter der Zentraldeponie in Bardowick, die gern auch „Mülldeponie“ genannt wird. Mit prüfendem Blick geht er auf den Fahrer des VW-Busses zu, der gerade vor dem Container mit dem Schild „Kunststoffe“ ausgestiegen ist, und lässt sich von ihm den Laufzettel geben. „Der ist wichtig für die Bezahlung“, sagt Kieseleit. Als Leiter des Eingangsbereichs auf der Deponie, die von der GfA, dem gemeinsamen Entsorger für Stadt und Landkreis Lüneburg, zwischen Bardowick und Adendorf betrieben wird, ist er auch zuständig für den Kleinanliefererbereich. Hier kann man all das abliefern, was man zuhause nicht mehr haben will vorausgesetzt, es sind Gegenstände. „Tote Tiere nehmen wir natürlich auch nicht an“, sagt Kieseleit und stutzt kurz, als müsste er sich dessen noch einmal vergewissern.

Peter Kweya hat unterdessen die Türen seines VW-Busses geöffnet und gibt den Blick frei auf das, was er loswerden möchte. Neben einem roten und einem blauen Bobby-Car hat er Reste von einem Ikea-Holzregal dabei und einen großen Eimer mit Farbe. „Der steht schon seit Jahren bei uns im Keller, und das Holzregal passt nicht mehr zur Einrichtung“, sagt er und versucht nebenbei seine kleine Tochter zu trösten, die zu weinen anfing, als sich Kieseleit ins Auto beugt, um die Fracht zu prüfen. „Nicht alles, was hier angeliefert wird, können wir kostenlos entgegennehmen“, erklärt Kieseleit den Grund für seine Neugierde.

Bezahlen müssen die Kunden grundsätzlich das, was sie ergänzend zu ihrem Hausmüll oder den regelmäßigen Sperrmüll-Aktionen abgeben. Kostenlos hingegen können Papier und Metalle sowie Elektroschrott „alles was ein Kabel hat“ abgegeben werden, aber auch Problemstoffe wie Farben, Chemikalien oder Altöle, allerdings nur, wenn sie aus privaten Haushalten stammen.

Gleich hinter dem Container für die Kunststoffe hat Frank Hentschel haltgemacht. Er hat mehrere dunkelbraune Teile eines früheren Lamellenfußbodens im Auto. „Wir renovieren unser Schlafzimmer, da kommt jetzt neuer Boden rein“, sagt der Adendorfer. Ein Kollege von Frank Kieseleit ist schon bei ihm, Frank Hentschel drückt ihm unaufgefordert den Laufzettel in die Hand. „Die meisten, die hierher kommen, kennen den Ablauf“, sagt Kieseleit. „Den Zettel gibt es vorne bei der Waage, und da gibt man ihn nachher auch wieder ab.“

Die Waage gibt es tatsächlich, doch sie ist eigentlich nur für die großen gewerblichen Anliefer-Fahrzeuge gedacht, die hier bei Ein- und Ausfahrt gewogen werden. Die festgestellte Differenz ist das Gewicht ihrer abgeladenen Fracht, und danach wird am Ende abgerechnet. Bei den Kleinanlieferern ist das anders. Sie bekommen einen Laufzettel, auf dem eingetragen wird, was genau abgeliefert worden ist.

Die Atmosphäre im Kleinanliefererbereich erinnert im ersten Augenblick ein wenig an das Gefühl, das sich stets einstellte, wenn man sich früher dem Zoll oder der innerdeutschen Grenze näherte und gebeten wurde, den Kofferraum zu öffnen. Doch so streng wie einst geht es hier nicht zu. Die GfA-Männer schauen zwar schon genau nach, doch dabei sind sie in der Regel großzügig. „Wir schätzen die Mengen eher zugunsten der Anlieferer“, sagt er. Dabei verlässt er sich auf seine Erfahrung, die er in den bald 20 Jahren, in denen er auf der Deponie arbeitet, gesammelt hat. „Das klappt in der Regel ganz gut“, sagt er. Gelegentlich gebe es schon Diskussionen, „meist bei denjenigen, die mit den größeren Autos vorfahren“, sagt Kieseleit, „die feilschen um jeden Cent.“

Zwischen 250 und 500 Fahrzeuge kommen als Kleinanlieferer täglich zur Deponie, Hauptsaison ist April bis Oktober, besonders beliebt sind die Freitage und Sonnabende. Rund 750 Tonnen Restabfall, Sperrmüll und Gewerbeabfall fallen pro Jahr an, bei den Grünabfällen und beim Altholz sind es sogar jeweils 4000 Tonnen. Im Frühjahr werden hauptsächlich Gartenabfälle gebracht, aber es gibt auch Kunden, darunter viele Landwirte, die Kompost abholen, der hier im Zuge der Verwertung des Grünabfalls und Biomülls entsteht.

„Vieles von dem, was zu uns gebracht wird, bleibt natürlich nicht hier. Das geben wir zur Verwertung oder Entsorgung weiter“, klärt Kieseleit auf. Begehrte Stoffe sind Metall und Papier, hierfür hat die GfA feste Abnehmer, die auch gute Preise zahlen. „Was wir einnehmen, kommt unseren Kunden wieder zugute, denn Einnahmen und Kosten fließen zusammen, und daraus ergibt sich dann letztlich die Höhe der Müllgebühren für die Haushalte“, erläutert Kieseleit. Gewinne dürfe die GfA als kommunale Anstalt des öffentlichen Rechts nämlich nicht machen.

Inzwischen ist Dirk Lensch mit seinem Pkw vorgefahren. Er hatte kürzlich seinen Schuppen aufgeräumt, „doch leider wurde nicht alles mitgenommen, was wir für den Sperrmüll rausgestellt hatten“, erzählt der Wittorfer. Frank Kieseleit schaut sich die mitgebrachten zurückgelassenen Teile an, und nach einer Minute ist die Angelegenheit geklärt. „Manchmal sind die Teile zu klein, um als Sperrmüll mitgenommen werden zu können. Auch Bauschutt oder Sondermüll kann natürlich nicht mitgenommen werden.“

Überraschungen erleben die GfA-Mitarbeiter eher selten, „im Laufe der Jahre hat man alles schon mal gesehen“, sagt Kieseleit. An zwei Vorfälle können sie sich dennoch gut erinnern. Vor einigen Jahren wurden zwei große Glasgefäße abgegeben, die von einer Schule nicht mehr gebraucht wurden. „Die Gläser waren mit Formaldehyd gefüllt. In dem einen war ein Schweine-Embryo, in dem anderen ein menschliches Embryo“, erzählt Harald Oertzen, der seit 21 Jahren auf der Deponie arbeitet und für die Problemstoffentsorgung zuständig ist. „Da bekommt man schon ein komisches Gefühl.“ Und auf der Außenstelle der GfA in Amelinghausen wurde vor Jahren von einer älteren Frau ein Blindgänger abgegeben. „Ihr Mann hatte ihn beim Pilzesammeln gefunden und 20 Jahre im Keller gelagert“, sagt Kieseleit. Die Dame habe die Bombe lieber nicht mehr im Hause aufbewahren wollen. „Zum Glück sind solche Lieferungen die Ausnahme.“