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Bei Jörg und Sabine O. herrscht immer Trubel: Sie leben gemeinsam mit ihren fünf Adoptiv- und Pflegetöchtern, einem Aupair-Mädchen und zwei Hunden unter einem Dach. Foto: t&w
Bei Jörg und Sabine O. herrscht immer Trubel: Sie leben gemeinsam mit ihren fünf Adoptiv- und Pflegetöchtern, einem Aupair-Mädchen und zwei Hunden unter einem Dach. Foto: t&w

,,Ein Leben ohne kam nicht in Frage“

jae Bardowick. „Jörg und seine Perlen“ steht in blauen Lettern auf dem kleinen Tonschild neben der Türklingel. Für mehr fehlte der Platz. Das Schildchen gehört zu einem Holzhaus am Rande Bardowicks, dort leben Jörg und Sabine O. mit ihren fünf Töchtern, einem Aupair-Mädchen und zwei Hunden. Eine ganz normale Großfamilie  auf den ersten Blick.

Doch sie sind eine besondere Familie: Sie alle haben unterschiedliche Gene, sind biologisch nicht miteinander verwandt. „Wir können keine eigenen Kinder kriegen, aber ein Leben ohne Kinder kam für uns nicht in Frage“, sagt Sabine O. Rund 16 Jahre ist es her, dass sich das Ehepaar zur Adop­tion entschloss. Nur drei Monate nach der Antragstellung zog Julie* ein. Sie sollte nicht der einzige Familienzuwachs bleiben.

„Wir hatten eigentlich schon riesiges Glück, überhaupt ein Kind zu bekommen“, sagt Jörg O. angesichts der vielen Adoptivfamilien mit Kinderwunsch. Als dann der Anruf des Jugendamtes kam und ein zweites Mädchen auf der Suche nach einem neuen Zuhause war, musste das Ehepaar nicht lange überlegen. Der Wunsch nach der eigenen Großfamilie wuchs und wuchs und so entschieden sich Sabine und Jörg O. auch Pflegekinder in die Familie aufzunehmen  drei an der Zahl.

Lea* strahlt über das ganze Gesicht, als sie ihr selbst gemaltes Bild in die Hand der Reporterin drückt. Die Zehnjährige hat ihre gesamte Familie beim Fußballspielen gemalt: fünf Schwestern, Mama, Papa und das Aupair-Mädchen. Über ihnen scheint die Sonne und auf dem Rasen blühen die Blumen, jede der kleinen Figuren auf dem bunten Bild lacht.

Daran dass es nicht immer so war, erinnern sich Jörg und Sabine O. gut. „Es ist utopisch zu hoffen, dass ein Pflegekind halbwegs normal aufwachsen kann“, sagt Jörg O. „Die Kinder sind belastet, haben Probleme, die sich vielleicht auch erst Jahre später zeigen. Da bekommt man keine unbeschriebenen Blätter, sie haben alle gut zu tun mit der Situation an sich.“

Auch Lea und Nadine wirkten kerngesund, als sie in die Familie kamen. Erst als sie älter wurden, zeigte sich, dass beide Mädchen schwerbehindert sind. Für Papa Jörg ist klar: Die Vorgeschichten der Mädchen werden sich wie ein „roter Faden“ durch ihr Leben ziehen. „Es ist für alle viel einfacher sich einzugestehen, dass sie alle nicht unbedingt Atomphysik studieren werden. Egal, wie clever sie sein mögen, bei den vielen psychischen Belastungen, die sie mit sich tragen, brauchen sie über so etwas erst mal nicht nachzudenken.“

Neben dem Küchenfenster stehen ein paar der eingerahmten Familienfotos. Jörg O. zieht eines der Fotos hervor, darauf ein kleiner Säugling mit zusammengekniffenen Augen. Der dunkle Haarflaum verrät Steffis türkische Abstammung. Einige Jahre später ist aus dem Baby ein junges Mädchen geworden, das sich die Frage stellt: Wo komme ich eigentlich her?

Früher wäre dieses Thema heikel gewesen, da sind sich Sabine und Jörg O. sicher. Mit den Pflegekindern habe sich aber auch ihr Blickwinkel auf die leiblichen Eltern, in der Familie auch Baucheltern genannt, verändert. Herrschten anfangs noch Verlustängste und Eifersucht, wissen sie heute, „die Bauchfamilie ist für die Kinder ganz wichtig, aber steht in keiner Konkurrenz zu den Gefühlen uns gegenüber“. Und so unterstützten sie ihre älteste Tochter bei der Suche nach ihren Wurzeln und stellten den Kontakt zur leiblichen Mutter her.

Offenheit ist das Credo der Familie, auch außerhalb der eigenen vier Wände. „Es ist eine Lebenssituation und dafür muss sich niemand schämen. Das haben wir auch unseren Kindern immer wieder klar gemacht: Ihr müsst euch nicht schämen, weil ihr Adoptivkinder seid. Ihr habt doch den großen Vorteil, dass Ihr zwei Eltern habt“, sagt Jörg O. und ergänzt mit einem Lächeln, „das ist unsere Familie, wir gehören in allen Besonderheiten genau so zusammen, wir sind eine Einheit.“
*(Namen aus Datenschutzgründen von der Redaktion geändert)