Mittwoch , 28. September 2016
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Deutsch lernen und in ausgelassener Runde zusammen sein: Das 16 Jahre alte Gastkind Ana (M.) aus Brasilien spielt mit der elfjährigen Annika und Petra Döpke aus Wittorf gern Gesellschaftsspiele. Foto: t&w
Deutsch lernen und in ausgelassener Runde zusammen sein: Das 16 Jahre alte Gastkind Ana (M.) aus Brasilien spielt mit der elfjährigen Annika und Petra Döpke aus Wittorf gern Gesellschaftsspiele. Foto: t&w

Schüleraustausch: Brasilianerin Ana von Schmuddelwetter geschockt

emi Wittorf. Als Ana Anfang September in Wittorf ankommt, hat sie in ihrem Koffer fast ausschließlich kurze Hosen, T-Shirts und Flip Flops dabei. In ihrer Heimatstadt im brasilianischen Bundesstaat Mato Grosso do Sul brennt zu dieser Zeit die Sonne mit 30 Grad vom Himmel. Das norddeutsche Schmuddelwetter und die Kälte schockieren die 16-Jährige, bis heute hat sie sich nicht daran gewöhnt.

Die Reihenhäuser, die gepflegten Vorgärten, die Ruhe in der 1000-Seelen-Gemeinde, all das ist neu für die junge Brasilianerin, die aus der 800000-Einwohner-Metropole Campo Grande stammt. Doch inzwischen schätzt Ana die kurzen Wege, die sie mit dem Fahrrad zurücklegen kann. Sie liebt Apfelschorle, Adventskalender mit Schokolade und Familie Döpke aus Wittorf, ihre Gastfamilie.

„Ich habe mich hier sofort sehr gut – wie sagt man? aufgenommen gefühlt“, sagt Ana. Wenn sie in der deutschen Sprache nicht weiterkommt, probiert sie es auf Englisch. Gastmutter Petra Döpke lächelt aufmunternd und übersetzt.

Die Angst, sich nicht verständigen zu können, überschattet die erste Begegnung. „Als wir Ana vom Hamburger Hauptbahnhof abgeholt haben, fragte sie nach ,Enneke“, erinnert sich Petra Döpke. „Ich dachte gleich, oh Gott, das wird nichts mit der Kommunikation!“ Doch Ana erkundigt sich noch einmal und lacht. „Da wusste ich: Das schaffen wir! Später stellte sich heraus, sie fragte nach Annika.“

Mit der fünf Jahre jüngeren, deutschen Gastschwester sieht sich Ana gern Kinderfilme an oder spielt Gesellschaftsspiele, um ihr Deutsch zu verbessern. „Ich finde Deutsch nett, meine Großeltern sprechen die Sprache auch“, sagt Ana. Deshalb hat sie sich entschlossen, mit dem Verein „AFS Interkulturelle Begegnungen“ nach Deutschland zu gehen. Es ist der erste Aufenthalt der 16-Jährigen in Europa.

In Wittorf lernt Ana den ganz normalen Alltag einer Familie auf dem Dorf kennen. „Die meisten Menschen, die an Deutschland denken, denken an Bier, Bratwurst und Berlin“, schmunzelt Petra Döpke. Den kleinen Ort in der Samtgemeinde Bardowick hat niemand auf dem Zettel. Doch Ana gefällt ihr neues Zuhause: „In Brasilien fahren mich meine Eltern überall hin, hier brauchen wir nicht immer das Auto. Und die öffentlichen Verkehrsmittel sind pünktlich.“

Für Ana steckt fast jeder Tag in Deutschland voller Überraschungen und Abenteuer. Zum ersten Mal wird sie Weihnachten dieses Jahr in einem fremden Land verbringen. Zwar gehen auch in Brasilien viele Menschen am 24. Dezember in die Kirche, sitzen um den Weihnachtsbaum und essen gemeinsam, aber: „Bei uns ist an Weihnachten Sommer und es gibt keinen Glühwein!“

Nicht nur für Ana ist in Deutschland vieles neu, auch Petra Döpke hat durch den Besuch einiges dazugelernt. „Ein Gastkind aufzunehmen, erweitert den Horizont. Man lernt, auf Menschen zuzugehen und macht auch mal den Kasper, wenn es zur Verständigung beiträgt.“

Auf die Frage, was das Gastfamilienprogramm für sie bedeutet, zeigt Ana auf ihr Smartphone. Dort hat sie einen Spruch gespeichert: „Austausch ist nicht ein Jahr in deinem Leben, es ist ein ganzes Leben in einem Jahr.“

Die gemeinnützige Jugendaustauschorganisation AFS sucht für Wittorf und Umgebung aktuell wieder weltoffene Familien, die ab Februar des kommenden Jahres einen Austausch-Schüler ehrenamtlich für ein halbes oder ganzes Jahr bei sich aufnehmen möchten. Weitere Informationen unter 040/39922290 oder www.afs.de/gastfamilie.