Aktuell
Home | Lokales | Bleckede | Der Blick des Vogelkundlers
3553338.jpg

Der Blick des Vogelkundlers

Sie sind wieder unterwegs: Die Zugvögel verlassen ihre Sommerquartiere, fliehen vor Kälte und Nahrungsmangel in wärmere Gefilde. Auch bei uns sind die ersten Vogelarten Richtung Süden aufgebrochen, die ersten Wintergäste aus dem Norden eingeflogen. Eine Zeit des Kommens und Gehens, in der Heinz Georg Düllberg fast täglich zum „Vogel gucken“ an die Elbe fährt. Die LZ hat den Lüneburger Vogelkundler begleitet. Und beim Blick durch das Spektiv eine ganz neue Welt entdeckt.

off Radegast. Schon die Autofahrt an die Elbe wird mit Heinz Georg Düllberg zur Expedition. In dunkelgrüner Funktionsjacke sitzt der 62-Jährige hinter dem Steuer seines silbernen Golfs und fährt durch die Feldmark, die Straße ist in miserablem Zustand, doch der Vogelkundler hat keinen Blick für Löcher im Asphalt. Seine Augen suchen die vorbeiziehenden Felder ab. Plötzlich bremst er, zeigt durch die Frontscheibe auf einen Schwarm schwarzer Vögel. „Sehen Sie, Stare !“ In makelloser Formation scheinen sie am Himmel zu tanzen. Ein Ballett der Lüfte – und das erste Naturschauspiel des Tages, das ohne Düllberg ungesehen vorbeigezogen wäre.

Zehn Minuten später und nur wenige Flügelschläge entfernt. Düllberg hat seinen Wagen am Wegrand geparkt, das Spektiv aus dem Kofferraum geholt, es über die rechte Schulter gelegt, auf die Deichkrone geschleppt und aufgebaut. Das Vergrößerungsglas ist auf das Deichvorland gerichtet, dort erstreckt sich in knapp 100 Meter Entfernung der Radegaster Haken, ein gewundener Arm der Elbe und ein Paradies für Vögel.

Mit bloßem Auge verschafft sich Düllberg einen Überblick, dann legt er das linke Auge an das Spektiv, dreht an einem Rädchen – und ist plötzlich ganz dicht dran an Silberreiher, Kampfläufer, Kiebitz und dunklem Wasserläufer. Dem zweiten Naturschauspiel, das ohne Düllbergs Beobachtungsfernrohr unsichtbar geblieben wäre.

Das weiße Gefieder der Silberreiher schimmert in der Nachmittagssonne, durchs Auge des Spektivs ist jedes Detail zu erkennen. Mit eingezogenen Hälsen stehen die Vögel im Schilf, schauen mit griesgrämigen Gesichtern in die Landschaft. Zu ihren Füßen waten dunkle Wasserläufer durch den Schlick und picken im Wasser, kleine fröhliche Sammler, genau wie der Kiebitz, der aussieht wie ein Punker. Die Krickente wiederum stört sich nicht an dem Trubel, hat den Kopf unter einen Flügel gesteckt und lässt sich treiben. Wenige Wochen, vielleicht nur Tage, kann Düllberg diese Gemeinschaft beobachten. „Dann ist ein Teil der Vögel schon wieder weg.“ Und in seinem Beobachtungsfernrohr erscheint ein neues Schauspiel.

Besonders sehnsüchtig erwartet der Lüneburger im Frühjahr die Störche, im Herbst die Wildgans-Schwärme, Kranichzüge und Singschwäne. Zu Tausenden machen die nordischen Gastvögel ab Mitte September in der Elbtalaue Rast, „ein einzigartiger Anblick“, sagt Düllberg. Und die perfekte Gelegenheit, seine ornithologische Neugier zu stillen. Stundenlang kann der 62-Jährige durch das Spektiv schauen und die Hälse der Vögel nach Ringen absuchen. Dieses Jahr wird er dabei zum ersten Mal nach einem bestimmten Vogel Ausschau halten: Singschwan 5 E 8 3.

Im Sommer ist der Jungvogel in Lettland beringt worden, kurz darauf hat Düllberg die Patenschaft übernommen. Seitdem liegt der gleiche Ring, den sein Patenschwan um den Hals trägt, in der Mittelablage von Düllbergs Golf – und der Vogelkundler verfolgt einen neuen Traum: „Ich hoffe, dass ich meinen Paten eines Tages mal zu Gesicht bekommen werde.“

Heinz Georg Düllberg ist kein Mensch, der einfach nur gern Vögel anguckt. Der sich damit zufrieden gibt, sie zu beobachten und schön zu finden. Der gebürtige Sauerländer, der bis Mai als Raumplaner im Lüneburger Stadtbauamt gearbeitet hat, studiert die Vogelwelt, erforscht sie, hat sie zu einem großen Teil seines Lebens gemacht.

Mehr als 600 Fachbücher über ihre Welt stehen in dem kleinen Reihenhaus des Junggesellen, er sammelt alte Vogelnamen, engagiert sich als Vogelzähler für die Staatliche Vogelschutzwarte, ist Mitglied im Lüneburger Naturschutzbund, tauscht sich in ornithologischen Fachforen im Internet aus, ist für vogelkundliche Exkursionen bis nach Spanien und Polen gereist, hat die Zeitschriften „Der Falke“ und „Vögel“ abonniert. Geweckt hat diese Leidenschaft für die Vogelwelt vor mehr als 50 Jahren sein Lehrer in der Volksschule. „Wenn der mich erwischt hat, wie ich aus dem Fenster guckte, hat er nie gemeckert. Da hieß es immer nur: Düllberg, welche Vögel siehst du da draußen?“

Zurück am Radegaster Haken. Dichte Wolken haben sich vor die Sonne geschoben, hellgrau meliert wie Düllbergs Barthaare. Der 62-Jährige hat den Kragen hochgeschlagen und das Spektiv zusammengeklappt, er hat genug gesehen für diesen Tag. Aus den Augen lässt Heinz Georg Düllberg die Vogelwelt trotzdem noch nicht. Die Expedition geht weiter, während er seinen Golf durch die Elbmarsch nach Hause steuert.