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Janusz Kahl hat das KZ-Außenlager Alt Garge überlebt und es sich zur Aufgabe gemacht, das Schicksal der Häftlinge zu bezeugen. Er hat mit dafür gesorgt, dass die Überlebenden zumindest etwas entschädigt wurden und es einen Gedenkstein in Alt Garge gibt. Auch bei der Arbeit an dem Buch "Die Hölle in der Idylle" hat er mitgewirkt. Foto: t & w
Janusz Kahl hat das KZ-Außenlager Alt Garge überlebt und es sich zur Aufgabe gemacht, das Schicksal der Häftlinge zu bezeugen. Er hat mit dafür gesorgt, dass die Überlebenden zumindest etwas entschädigt wurden und es einen Gedenkstein in Alt Garge gibt. Auch bei der Arbeit an dem Buch "Die Hölle in der Idylle" hat er mitgewirkt. Foto: t & w

Der letzte polnische Überlebende

Es war ein Erfolg, der die Veranstalter überwältigt hat. Mehr als 320 Zuhörer kamen zur Präsentation der erweiterten Auflage des Buches „Die Hölle in der Idylle. Das Außenlager des KZ Neuengamme“. Dabei war auch der KZ-Überlebende Janusz Kahl, der an dem Abend zum ersten Mal in Bleckede über seine Erlebnisse in Alt Garge gesprochen hat. Die LZ begleitete den Warschauer vorab an den Ort, über den er sagt: „Ich weiß nicht, wie und warum, aber ich habe überlebt.“

off Alt Garge. Janusz Kahl steht im Alt Garger Herbstlaub und schweigt. Mit dem linken Arm stützt sich der 86-Jährige auf einen Gehstock, sein Blick haftet auf dem schlichten Findling zu seinen Füßen, doch der Warschauer liest die Gedenkschrift des Steins nicht. In Janusz Kahl weckt der Ort eigene Erinnerungen an das KZ-Außenlager in Alt Garge. Von August 1944 bis Februar 1945 erlebte er dort die leidvollste Zeit seines Lebens. Jetzt ist er erneut zurückgekommen, um sich noch einmal zu erinnern. Und um davon zu erzählen. Als letzter polnischer Überlebender „der Hölle in der Idylle“.

Janusz Kahl wirkt zerbrechlich, zu schmal für den grünen Parka, den er trägt, als er am Alt Garger Straßenrand aus dem Auto steigt. Vor ein paar Wochen erst hat er sich in Warschau bei einem Fahrradunfall Hüfte und Schulter gebrochen, nun braucht er Stock und Gehwagen, „aber ich bin da“, sagt er, „und ich kann gehen“. Wie viel Kraft das kostet, lässt sich der 86 Jahre alte Mann nicht anmerken. Mit klugen, kleinen Augen schaut er sein Gegenüber an, wenn er spricht. Mal auf deutsch, doch die meiste Zeit auf polnisch, Historiker und Dolmetscher Georg Erdelbrock übersetzt.

Janusz Kahl hat schon oft davon erzählt, wie er Adolf Hitler und das Konzentrationslager überlebt hat. „Fragen Sie ruhig“, sagt er. Doch was fragt man einen KZ-Überlebenden? Wie schlimm es war? Wie er weitergelebt hat? Eine Situation, die der 86-Jährige offenbar kennt – und durchbricht, indem er anfängt zu erzählen, ohne auf eine Frage zu warten. Mit leiser, fester Stimme beendet er im Alt Garger Bürgerpark sein Schweigen, zeigt über den Gedenkstein hinweg auf die Häuser am anderen Straßenrand, seine rechte Hand zittert. „Ich erinnere mich an ein Gebäude mit einem speziellen Dach. . .“ Die Vergangenheit ist zurück.

Janusz Kahl ist 17 Jahre alt, als er im August 1944 nach dem Warschauer Aufstand als Unbeteiligter festgenommen und nach Deutschland deportiert wird. Weil er zur falschen Zeit, am falschen Ort ist. Über Sachsenhausen, Lüneburg und Bleckede transportiert man ihn nach Alt Garge, wo er zunächst für den Ausbau des noch nicht fertigen Außenlagers des KZ Neuengamme, danach im Arbeitskommando für den Bau des HEW-Kohlekraftwerks eingesetzt wird. Mitte Februar 1945 wird das Alt Garger Lager schließlich aufgelöst, Kahl über Neuengamme ins Außenlager Wöbbelin bei Ludwigslust gebracht. Am 2. Mai 1945 wird das Lager schließlich von den Amerikanern befreit – und Janusz Kahl kehrt zurück nach Warschau. Die Eckdaten einer siebenmonatigen Hölle.

Was der Pole damals genau erlebt hat, was er in dem KZ-Außenlager alles erleiden musste, erzählt er an diesem Tag nur in Ausschnitten. Denn jede Erinnerung kostet Zeit. Und Kraft. „Ich weiß noch“, sagt er, „dass nach einem Monat der erste gestorben ist, dass die abgemagerten Häftlinge regelmäßig aussortiert und nach Neuengamme abtransportiert wurden.“ Und Janusz Kahl erinnert sich an die Krankheiten, die er hatte, die „Geschwüre am ganzen Körper“, die „Krätze“, die unendlichen Schmerzen. „Ich weiß nicht, warum und wie, aber irgendwie habe ich überlebt.“ Im Gegensatz zu 49 anderen Häftlingen, die in Alt Garge an den unmenschlichen Bedingungen der Zwangsarbeit starben.

Janusz Kahl hat Alt Garge wieder verlassen, sich nach einem Rundgang über das ehemalige Lagergelände ins Auto gesetzt und nach Bleckede fahren lassen. Dort sitzt der 86-Jährige nun in einem Café, trinkt eine Tasse Tee, ruht sich aus für die Buchvorstellung am Abend, sortiert die Erinnerungen. Was er gefühlt habe in Alt Garge? Ob er wütend sei auf die Deutschen? Für einen Moment schweigt Janusz Kahl, dann sagt er: „Nach 68 Jahren sind die Empfindungen verblasst. Und ich hatte Riesenglück.“ Trotzdem lassen manche Bilder ihn bis heute nicht los. Und trotzdem kann er eins nicht vergessen. „Siebenundvierzig, null, achtundzwanzig“, sagt er, „meine KZ-Nummer, die werde ich bis zu meinem Tod nicht aus dem Kopf kriegen.“