Mittwoch , 28. September 2016
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Das Stauwerk in Geesthacht wurde 1957 gebaut, um dem Einfluss der Tide, dem Wechselspiel von Ebbe und Flut in der Nordsee, auf der Elbe eine künstliche Barriere zu setzen. Foto: A/t & w
Das Stauwerk in Geesthacht wurde 1957 gebaut, um dem Einfluss der Tide, dem Wechselspiel von Ebbe und Flut in der Nordsee, auf der Elbe eine künstliche Barriere zu setzen. Foto: A/t & w

„Xaver“ lehrt Deichbauer das Fürchten

kre Hohnstorf/Bleckede. „Wir haben Glück gehabt“, sagt Norbert Thiemann: Glück, weil beim Sommerhochwasser im Juni und beim Orkan „Xaver“ vor wenigen Tagen der Landkreis Lüneburg beide Male noch mit einem blauen Auge davongekommen ist. „Kaum auszumalen, wenn die Naturgewalten zeitgleich aufgetreten wären“, beschreibt der Geschäftsführer des Artlenburger Deichverbandes ein Horror-Szenario: Eine Ahnung davon, was passieren kann, haben die Deichexperten vergangenen Freitag trotzdem bekommen: Da drückte die Sturmflut nämlich so weit ins Binnenland, dass der Elbepegel in Hohnstorf von 4,79 Meter um 1,50 Meter anstieg. Und selbst noch weiter flussaufwärts – Richtung Bleckede – war die Sturmflut zu spüren. Dort stieg der Pegel um 25 Zentimeter.

„Dieser hohe Wasserstand hat uns trotz aller Vorahnungen überrascht“, sagen Norbert Thiemann und Deichhauptmann Hartmut Burmester. Für beide ist spätestens jetzt klar, dass sich Ebbe und Flut der Nordsee bei Sturm bis über das Stauwerk Geesthacht, der sogenannten Tidegrenze, hinaus bemerkbar machen. Dabei soll das Stauwerk genau dieses Wechselspiel zwischen Ebbe und Flut flussaufwärts verhindern. Dazu wurde das Stauwerk Geesthacht 1957 errichtet. „Allerdings nach Berechnungen eines Wasserstandes, die bei einer Sturmflut offenbar nicht mehr zutreffen“, mutmaßt Hartmut Burmester, der jetzt aufgrund der jüngsten Ereignisse ein schnelles Handeln einfordert: „Um die Sicherheit der Menschen hinter den Deichen auch künftig zu gewährleisten, muss jetzt schnell geklärt werden, wie es dazu kommen konnte, dass die Flut so weit in den Fluss hineindrücken konnte“.

Nach den Worten von Burmester und Thiemann hätte der Wasserstand in der Oberelbe bis Bleckede sogar noch höher auflaufen können: „Wir hatten Glück, dass sich der Sturm nur an der Küste richtig austobte und landeinwärts nachgelassen hat“, sagt Norbert Thiemann: „Im schlimmsten Fall kommen Sturmflut und Hochwasser zusammen. Dann würde sich alles Wasser bei uns stauen und die Deiche massiv gefährden.“

Um das zu verhindern, fordern Burmester und Thiemann vom Land Niedersachsen, das Gebiet des Artlenburger Deichverbandes in den Küstenschutz einzubinden, die Aufgabe strategisch, strukturell und vor allem auch finanziell neu auszurichten.

Denn auch diese Lehre haben die Experten aus den jüngsten Hochwasserkatastrophen gezogen – die Deiche sind schon jetzt zu niedrig: 10,60 Meter misst der Hochwasserschutz etwa bei Hohnstorf. „Wenn wir die Deiche um einen Meter erhöhen könnten, könnten wir alle ruhiger schlafen“, sagt Burmester. Doch solche Maßnahmen kosten Geld. Und da will die Politik noch nicht so recht ran. Trotz eines drohenden Super-GAU – wenn Sturmflut und Hochwasser gleichzeitig zum Angriff auf die Deiche blasen…

Können wir die Landkreise und Gemeinden bei der Beschaffung mobiler Hochwasserschutzsysteme unterstützen?“ So die Anfrage der Lüneburger Landtagsabgeordneten Andrea Schröder-Ehlers (SPD) zur nächsten Landtagssitzung. „Ich halte die Systeme, die bei der letzten Flut getestet wurden, für sehr gut und denke, dass ein Teil der Katastrophenschutzmittel der niedersächsischen Sandsackreserve dazu genutzt werden sollte“, schreibt Schröder-Ehlers. Sie greift damit eine Anregung der Feuerwehrführung des Landkreises Lüneburg auf, in Zukunft auch mobile Hochwasserschutz-Systeme einzusetzen. Es handelt sich dabei um ein System aus Fasselementen, die mit Flusswasser gefüllt wurden. Da es schnell abgebaut und an anderer Stelle wieder aufgebaut werden kann, habe sich das System auch beim Elbehochwasser bereits bewährt. „Wir befürworten ausdrücklich eine Beschaffung solcher oder ähnlicher mobiler Systeme!“, so Henning Banse von der Feuerwehrführung des Landkreises.

One comment

  1. Elementarversicherungen zahlen bei Sturmflut nicht!
    Vielen Dank für den informativen, aber besorgniserregenden Artikel. Nun steht es endlich auch in der Zeitung: Sturfluten wirken sich bis nach Bleckede hoch aus. Wenn gleichzeitig ein Hochwasser die Elbe hinunterkommt ist Holland in Not. Unsere Deichbauer schlagen immer lauter Alarm.
    Elementarschäden, die im Zusammenhang mit einer Sturmflut stehen, sind meines Wissens von keiner Elementarversicherung gedeckt. Die Häuser in der gesamten Elbmarsch von Bleckede bis Geesthacht auf beiden Seiten der Elbe sind nicht gegen Hochwasserschäden versichert, wenn eine Sturmflut an dem Ereignis beteiligt ist. (link: http://www.niederelbe-forum.de/wbblite/thread.php?postid=10221 )
    In den letzten Monaten habe ich händeringend versucht, eine Versicherung zu finden, die auch im Falle einer beteiligten Sturmflut Hochwasserschäden an meinem Haus abdeckt. Leider erfolglos. Hat jemand hier so eine Versicherung gefunden? Ich würde mich über einen Hinweis freuen.

    Carl Sasse