Aktuell
Home | Lokales | Bleckede | „Man möchte vergessen…“
Eindringlich schildern die Zeitzeugen Ludolf Stamer und Ilse Meyer Schülern des Gymnasiums Bleckede, wie sie das Kriegsende an der Elbe erlebt haben. Die Gymnasiasten sind beeindruckt von ihrer Offenheit. Foto: t&w
Eindringlich schildern die Zeitzeugen Ludolf Stamer und Ilse Meyer Schülern des Gymnasiums Bleckede, wie sie das Kriegsende an der Elbe erlebt haben. Die Gymnasiasten sind beeindruckt von ihrer Offenheit. Foto: t&w

„Man möchte vergessen…“

emi Bleckede. Besuch im Panzermuseum, Besichtigung des Ölhofs in Bleckede, Kartenkunde: Auf vielfältige Art beschäftigten sich bis heute etwa 15 Schüler des Gymnasiums Bleckede im Rahmen ihrer Projektwoche mit dem Thema „Schlacht um Bleckede 1945“. Jetzt stand einer der Höhepunkte auf dem Programm: Fünf Zeitzeugen schilderten den Neunt- bis Elfklässlern, wie sie das Kriegsende an der Elbe erlebt haben. Schüler Julius Krumstroh, der die Befragung der älteren Bleckeder mitorganisiert hatte, war hinterher tief beeindruckt: „Ihre Offenheit fand ich unfassbar wertvoll. Wann hat man heute noch die Möglichkeit, mit Zeitzeugen zu sprechen? Meine Großeltern sind jetzt schon zu jung dafür.“

Im Stuhlkreis sitzen Alt und Jung dicht an dicht nebeneinander. Auch ein Vertreter der Bundeswehr ist gekommen, um den Erzählungen von Ilse Meyer, Ingeborg Bronnert, Willi Frank, Ludolf Stamer und August Karstens zu lauschen. Gebannt hängen die Zuhörer an den Lippen der Zeitzeugen. Ein paar Gymnasiasten haben Fragen vorbereitet, doch kommen manchmal gar nicht erst zu Wort. Die älteren Herrschaften tauchen ab in ihre Erinnerungen, ergänzen einander, spinnen Gedankenfäden weiter. Einer der Zeitzeugen ist Willi Frank, geboren 1939, einen Tag nach Kriegsanfang.

Willi Frank lebte bis 1952 auf der Kleinburg bei Bleckede. „Dort habe ich alles erlebt, alles Gute und alles Schreckliche, was man so erleben kann.“ Besonders ins Gedächtnis eingebrannt haben sich dem 74-Jährigen die Flüchtlingstrecks. Im kalten Winter um 1945 seien Frauen durch die Gegend gezogen mit Wagen, auf denen kleine Kinder saßen. Ihre Augen sieht Willi Frank heute noch vor sich. „Den meisten Eindruck bei mir geschunden hat eine Frau, die mit zwei Jungs auf einem Ziehwagen gekommen war. Sie hatte eine Gumminase ihre Nase war abgefroren , ihre Fingerspitzen waren weg, sie hatte Klumpfüße. Was Frauen wie diese geleistet haben! Es waren ja keine Männer da.“

Eine weitere Erinnerung des Zeitzeugen lässt die Schüler den Atem anhalten. „Im April 1945 war bei unserem Hause der Verbandsplatz“, sagt Frank. „Soldaten mit blutigen Bestecken kamen zu uns hoch in die Wohnung, und meine Mutter hat sie in einem großen Topf auf dem Kohleherd abgekocht. Ich hörte manchmal in der Ferne Schreie und Gestöhne.“ Aus dem Schlafzimmerfenster seiner Eltern konnte der Sechsjährige sehen, wie die toten oder verwundeten Soldaten angefahren wurden. „Am Friedhof gegenüber hatte man tote Soldaten abgelegt. Das sind so die Sachen, die sich bei mir eingebrannt haben.“

Ein Schüler will von Ilse Meyer wissen, wie sie aufgewachsen ist. „Wie war damals die Situation?“ Die 91-Jährige reagiert nicht, Stille breitet sich aus. Ein paar Gymnasiasten beginnen zu tuscheln, im Glauben, die 91-Jährige habe nicht zugehört. Da fragt Ilse Meyer unvermittelt zaghaft: „Vor oder nach dem Krieg?“ „Währenddessen.“ Noch leiser kommt zurück: „Das war einfach scheiße.“ Die Schüler blicken betreten zu Boden. Nach dem Gespräch wird Ilse Meyer noch deutlicher: „Es ist eine Zeit, die man vergessen möchte. Aber man kann es nicht vergessen.“

Und so hallt der Appell von Willi Frank noch lange nach: „Ihr seid jung. Es liegt bei euch. Wehrt euch.“