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Nelika von Holt kocht Fisch und Kartoffeln über offenem Feuer. Die 22-jährige Studentin will zeigen, wie die Menschen im Mittelalter gelebt haben. Es geht so viel Wissen verloren. Foto: t&w
Nelika von Holt kocht Fisch und Kartoffeln über offenem Feuer. Die 22-jährige Studentin will zeigen, wie die Menschen im Mittelalter gelebt haben. Es geht so viel Wissen verloren. Foto: t&w

So schmeckt das Mittelalter

Zu Tausenden strömten die Besucher am Wochenende nach Bleckede, denn gleich zwei Großveranstaltungen lockten die Menschen an die Elbe: das zweitätige Burgfest rund um das Elbschloss und das Oldtimer-Treffen mit rund 500 alten Fahrzeugen auf dem Schützenplatz. Viele Besucher nutzen die Gelegenheit und schlenderten am verkaufsoffenen Wochenende durch das geschmückte Zentrum.

emi Bleckede. Breitbeinig steht Andreas Nehrig im Halbschatten, den Oberkörper vornübergebeugt, schüttelt er sich mit ausgestreckten Armen. Links und rechts des 54-Jährigen ziehen und rütteln Rüdiger Dütsch und Martin Prestel an seinem Kettenhemd. Als das kiloschwere Schutzkleid samt der darunterliegenden Polsterjacke endlich von Nehrigs Schultern gerutscht ist, wischt sich der Lauenburger den Schweiß von der Stirn. „Das war viel wärmer als erwartet“, sagt er, und witzelt: „Im Schwimmbad wollte ich das nicht anziehen.“ Der selbstständige Dachdecker ist das erste Mal zum historischen Schlossfest nach Bleckede gekommen und darf gleich am eigenen Leib spüren, wie die Menschen im Mittelalter gekämpft, gelebt, gearbeitet und was sie getragen haben.

Zahlreiche Darsteller, Musikgruppen, Gaukler und Ritter, haben im Schlossgarten ihre Zelte aufgebaut, Felle ausgebreitet, Tische aufgestellt, sich in historische Kleider geworfen und den Alltag des 21. Jahrhunderts gegen das Leben im Mittelalter getauscht. Eine von ihnen ist Nelika von Holt.

Die 22-Jährige hockt vor einem Topf über offenem Feuer und taucht ihren Holzlöffel in eine Suppe, in der Kartoffelstücke schwimmen. Hinter ihr späht neugierig ein Pferd über den Zaun. Achtmal im Jahr tauscht die Soziologiestudentin ihre Alltagsklamotten gegen Tracht aus der Zeit um 800. Den Winter über, wenn keine Mittelaltermärkte anstehen, näht sie Zelte, Kleider und Schuhe oder baut neue Gestänge. „Mich fasziniert die Atmosphäre bei solchen Veranstaltungen“, erzählt die Hamburgerin. „Hier finde ich die Ruhe, die ich sonst nicht habe. Das ist wie Abtauchen in eine andere Welt.“

Auch Rüdiger Dütsch, im wahren Leben Controller, taucht gerne ein in die Welt der Ritter und Reiter. „Keine Uhr, kein Handy, keine Technik, das ist supergeil“, schwärmt der 46-Jährige. Wenn abends die Sonne über der kleinen Zeltstadt versinkt, setzt er sich mit den anderen ans Lagerfeuer, singt, redet und zecht. Seit er vor sechs Jahren einen Schwertkurs an der Volkshochschule belegte, lebt der Hamburger seinen Kindheitstraum. „Wer wollte als Junge nicht als Ritter herumlaufen?“, fragt er lächelnd.

Ein paar hundert Meter entfernt ertönt plötzlich Dudelsack-Musik. „Die Vertriebenen“ schlängeln sich in einem fröhlichen Zug um Zelte und Feuerstellen herum. Sie laufen vorbei an Erwachsenen, die Kindern das Filzen beibringen, Bänken, auf denen sich Menschen Fleischspieße und kalte Getränke schmecken lassen, einem Stand, an dem Jung und Alt ihre Geschicklichkeit im Bogenschießen beweisen.

Andreas Nehrig, der aus Neugierde zum ersten Mal zu der Veranstaltung gekommen ist, lässt seinen Blick über das bunte Treiben schweifen. „Mir gefällt es sehr gut hier“, sagt er. Dankbar, dass er die schwere Ritterrüstung ablegen durfte, ist der Lauenburger trotzdem.