Donnerstag , 8. Dezember 2016
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Zwei Waschbären machen sich an einem Teich am Heisterbusch über große Muscheln her. Mathias Schneider gerieten die Tiere beim Spaziergang vor die Kamera-Linse. Foto: Mathias Schneider/nh
Zwei Waschbären machen sich an einem Teich am Heisterbusch über große Muscheln her. Mathias Schneider gerieten die Tiere beim Spaziergang vor die Kamera-Linse. Foto: Mathias Schneider/nh

Waschbären, niedlich und tödlich?

emi Bleckede. Mathias Schneider freute sich über ihren Anblick, dem Vorsitzenden der Lüneburger Jägerschaft sind sie ein Dorn im Auge: Waschbären. Auf seinem Morgenspaziergang am Heisterbusch bei Bleckede stieß Hobby-Fotograf Schneider jetzt auf vier der freilebenden Tiere. Als gegen 9 Uhr morgens die Sonne intensiver wurde, wollte der 49-Jährige gerade nach Hause zurücklaufen. Da erblickte er die Waschbären am Waldrand: „Eigentlich sind Waschbären ja dämmerungsaktiv. Ich dachte, ich hätte keine Chance, sie jemals abzulichten.“ Schneider täuschte sich, 20 Minuten durfte er die Kleinbären am Teichufer beobachten.

„Waschbären bevorzugen Mischwälder in Wassernähe“, erklärt Thomas Mitschke, Vorsitzender des Nabu Lüneburg. „Auf dem Foto machen sich die Waschbären offensichtlich über Muscheln her. Mit ihrer Geschicklichkeit ist es ihnen ein Leichtes, die Muscheln zu knacken und so an das eiweißhaltige Muschelfleisch zu gelangen.“

Die Tiere haben einen großen Speisezettel und sind beim Futter nicht wählerisch: Im Frühjahr verputzen sie beispielsweise Amphibien, im Sommer reife Früchte und im Herbst lassen sie sich sogar Eicheln schmecken, weiß Mitschke. „Sein grenzenloser Erfindungsreichtum, seine freche Dreistigkeit und Beharrlichkeit, seine Neugier, seine beinahe unglaublichen Kletterkünste und vor allem seine handähnlichen tastempfindsamen Vorderläufe helfen dem Waschbären, an jegliche Art von Nahrungsquellen heranzukommen.“

Genau diese Eigenschaften sind es, die dem Vorsitzenden der Lüneburger Jägerschaft, Torsten Broder, die Sorgenfalten auf die Stirn treiben. Da der Waschbär nur geringe Ansprüche an die Art seiner Nahrung stellt und sich schnell anpassen kann, besiedelt er sogar Städte, wo er sich von Speiseresten in Mülltonnen ernährt. „Waschbären sind Kulturfolger, sie werden sich in unseren Gärten breitmachen. Für Gartenvögel ist das eine Katastrophe“, schimpft Broder.

Die ursprünglich aus Nordamerika stammenden, nach Deutschland eingeschleppten Waschbären sind zum Teil Nachkommen zweier Pärchen, die 1934 am hessischen Edersee ausgesetzt wurden. Andere sind Nachfahren einiger Waschbären, die 1945 aus einer Pelztierfarm bei Berlin entwischten. Weil der Waschbär bis 1954 in Deutschland unter Schutz stand, konnte er sich ausbreiten. Natürliche Fressfeinde haben die Tiere nicht.

„Wir müssen uns Gedanken machen, wie wir dieser Plage beikommen können“, sagt Vorsitzener Torsten Broder. „Waschbären sind süß, aber tödlich.“ Mitschke hält dagegen: „Der sichere Beweis, dass sie andere Tierarten nachhaltig schädigen, konnte bisher nicht erbracht werden.“ Und noch gibt es Menschen, die sich über ihren Anblick freuen.

Tierische Einwanderer erobern neuen Lebensraum
Der Waschbär gehört zu den „Neobiota“. Der Begriff bedeutet übersetzt „neue Lebewesen“ und bezeichnet Arten, die hierzulande ursprünglich nicht heimisch waren, sondern erst durch den Einfluss des Menschen nach Deutschland gekommen sind. Dabei unterscheidet man zwischen „Neophyten“ (Pflanzen), „Neozoen“ (Tieren) und „Neomyceten“ (Pilzen). Für die Einführung von Neobiota spielen der menschliche Handel und Verkehr eine wichtige Rolle. Als „Stichdatum“ für die Einführung von Neobiota wurde deshalb das Jahr der Entdeckung Amerikas, 1492, festgelegt, mit dem sich der Handel zwischen den Kontinenten verstärkte. Arten, die nach 1492 eingebracht wurden, nennt man Neozoen und Neophyten. Gebietsfremde Arten können mit Absicht nach Europa gelangen, zum Beispiel durch die Einfuhr von Zier- und Nutzpflanzen für Fischerei, Jagd oder Pelzzucht. Unbeabsichtigt gelangen sie als „blinde Passagiere“ durch den Schiff-, Waren- und Reiseverkehr zu uns. In Deutschland kommen rund 1000 gebietsfremde Tierarten vor. Dazu zählen neben dem Waschbär unter anderem Bisam, Marderhund und Nutria.