Aktuell
Home | Lokales | Bleckede | Abendbrot mit Siegfried Lenz
Zwei Ordner voll erinnern im Hause Tipke an den Schriftsteller Siegfried Lenz. Nach seinem Tod erinnert sich Erika Tipke auch an die gemeinsamen Abendessen in ihrer Küche. Foto t&w
Zwei Ordner voll erinnern im Hause Tipke an den Schriftsteller Siegfried Lenz. Nach seinem Tod erinnert sich Erika Tipke auch an die gemeinsamen Abendessen in ihrer Küche. Foto t&w

Abendbrot mit Siegfried Lenz

off Bleckede. Die Nachricht erreicht sie mittags um zwölf im Auto. Erika Tipke ist auf dem Weg zum dritten Geburtstag ihres Enkelkindes, als sie im Radio hört: „Der Schriftsteller Siegfried Lenz ist tot“. Sie schluckt, spürt, wie ihr Tränen in die Augen steigen, dann lenkt sie das Auto an den Straßenrand und stellt den Motor ab. Die 70-Jährige schließt die Augen, Erinnerungen kommen hoch. Siegfried Lenz beim Büchersignieren im Bleckeder Schloss. Siegfried Lenz zu Hause an ihrem Esstisch. Siegfried Lenz, der mit ihren Kindern lacht. Für sie und ihren 2010 verstorbenen Mann Ernst war Lenz mehr als einer der bedeutendsten Schriftsteller der deutschen Nachkriegsliteratur. „Er war so etwas wie ein väterlicher Freund“, sagt sie. „Vor allem für meinen Mann.“

Siegfried Lenz und Ernst Tipke bei der ersten Lesung des Schriftstellers im Bleckeder Schlosssaal am 14. Dezember 1983. Repro: t&w
Siegfried Lenz und Ernst Tipke bei der ersten Lesung des Schriftstellers im Bleckeder Schlosssaal am 14. Dezember 1983. Repro: t&w

Am 14. Dezember 1983 sitzt Siegfried Lenz zum ersten Mal am Esstisch der Bleckeder. Und darf ausnahmsweise in der Wohnung der Tipkes rauchen. Ernst Tipke leitet damals die Außenstelle der Heimvolkshochschule im Bleckeder Schloss und hat den Schriftsteller als Vorsitzender des Kultur- und Heimatkreises zu einer Lesung eingeladen.
Erika Tipke macht belegte Brote, die drei Kinder sitzen mit am Tisch und löchern den Erzähler, wie das denn nun geht mit dem Schreiben. Lenz lacht, gibt geduldig Auskunft, „er war ein wunderbarer Zuhörer“, sagt Erika Tipke. Auch die Lesung wird ein Erfolg, der Schlosssaal ist mit mehr als 100 Zuhörern rappelvoll. Lenz verspricht wiederzukommen. Bis es klappt, vergehen auf den Tag genau fünf Jahre.

In der Zwischenzeit halten Ernst Tipke und Siegfried Lenz Kontakt, wechseln alle paar Monate Briefe und Postkarten. Tief beeindruckt hat der Schriftsteller auch den elfjährigen Christian Tipke. „Ausgerechnet Christian, der eigentlich mit Schreiben nicht viel anfangen konnte“, sagt Erika Tipke. Doch für Siegfried Lenz macht er eine Ausnahme und schreibt dem Erzähler noch am Tag der Lesung ein Gedicht: „Siegfried Lenz, ja Lenz, ja Lenz ist da! Er bringt uns Schnee hei hussasa! Er rüttelt an den Bäumen und läßt die Straßen räumen. Heia Hussasa Herr Lenz ist da!“ Als Dank schenkt auch Lenz ihm ein Gedicht: „Ach Christian, ach Christian, was fang ich ohne Wörter an, für Not muß ich sie borgen und wenn auch nur bis morgen.“ Und Lenz schreibt auch Maren Tipke in ihr Freundschaftsbuch und unterschreibt mit „Siegfried Lenz, der immer Marens Freund bleiben wird“.

Christian Tipke schrieb als Elfjähriger ein Gedicht für Siegfried Lenz. Und der Autor antwortete. Ein besonderes Erinnerungsstück in der Familie Tipke. Foto: t&w
Christian Tipke schrieb als Elfjähriger ein Gedicht für Siegfried Lenz. Und der Autor antwortete. Ein besonderes Erinnerungsstück in der Familie Tipke. Foto: t&w

Das Blatt Papier mit den Gedichten haben Tipkes aufgehoben, ebenso wie den Briefwechsel, alle gemeinsamen Fotos, Zeitungsartikel und Postkarten. Zwei Ordner füllen die Unterlagen, stundenlang hat Erika Tipke nach Lenz Tod darin gelesen. Über mehr als 20 Jahre standen der Erzähler und ihr Mann in Briefkontakt, immer wieder bat Ernst Tipke um eine Lesung in Bleckede und schrieb bewundernde Worte wie diese im Januar 2007: „Sie sind unser Nobelpreisträger und mein liebster Schriftsteller! Bei meinen etwa 15000 Büchern stehen Sie an erster Stelle.“

Lenz antwortete, oft kurz, doch immer herzlich. So schrieb er etwa am 20. Januar 2002 zu einem Bild, das Tipkes ihm von ihrem neuen Haus in Breetze geschickt hatten: „Welch großzügiges Anwesen, welch herrliche Bäume.“ Oder 28. Oktober 1996 zu einer erneuten Einladung Tipkes: „So groß meine Freude ist, so groß ist aber mein Bedauern darüber, daß es mir nicht möglich ist, in absehbarer Zeit zu Ihnen zu kommen. Gewiß werden Sie verstehen, daß ich in meinem Alter haushälterisch mit meiner Kraft umgehen muß, außerdem, lieber Herr Tipke, läßt die Gesundheit zu wünschen übrig.“

Am Ende blieben es zwei Lesungen, zwei Abendessen in Bleckede und viele, viele Briefe. Zweimal besuchte Tipke zudem die „Kanalrunde“ mit Lenz, drei gemeinsame Tage zwischen Autor und Lesern, organisiert vom Nordkolleg. „Siegfried Lenz war für uns immer ein ganz besonderer Mensch und Schriftsteller“, sagt Erika Tipke. Und sein Tod „hat mich doch sehr betroffen gemacht“. Doch es bleiben „wunderbare Erinnerungen“ und „seine einzigartigen Bücher“ im Hause Tipke sind fast alle mit einer persönlichen Widmung versehen.