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Klein Holland an der Elbe

org Radegast. Als Erik und Aliena kamen, war Uwe schon da. Seit 40 Jahren. Der 76-Jährige aus Hamburg-Finkenwerder ist Dauercamper in Radegast, seit es den Campingplatz gibt. Und er ist die gute Seele, das Mädchen für alles. Auch bei den nicht mehr ganz neuen Besitzern, die aus dem alten „HeinHein“ einen Geheimtipp für ihre Landsleute gemacht haben: Niederländer.

Erik und Aliena Kaspers stammen aus Emmen, 20 Kilometer vom deutschen Meppen entfernt. Deutsch hatten sie in der Schule und werden jetzt von ihren Kindern überholt. „Ilja ist 14 und Esra ist zehn, sie sprechen viel besser Deutsch wie uns“, sagt Aliena lachend. In Emmen hatten die Kaspers einen Laden für alles. „Ein Karstadt in ganz klein“, erzählt Erik (44). Sein Onkel betrieb einen Campingplatz, Vater und Großvater arbeiteten mit, der Campingplatz gehörte auch für Erik zum Leben. Und vor zwei Jahren entschied er mit Aliena: Wir kaufen selbst einen. Sie suchten im Internet und wurden in Radegast fündig. Gekauft im November 2011 und über den Winter umfangreich saniert, lief die erste Hochsaison an der Elbe gut für die Neuen am Platz.

Die zweite bisher naturgemäß weniger: Der Campingplatz liegt direkt an der Elbe. „Das Grundwasser kam hoch“, erzählt Aliena. „Wir hoffen, in ein bis zwei Wochen alle Plätze trocken zu haben, damit die Leute kommen können.“ Anderthalb Monate fehlen ihnen, die Gäste blieben weg, nachdem sie im Fernsehen das Hochwasser gesehen hatten.

Ausgleichen werden die beiden den Ausfall wohl nicht können, schätzt Aliena. „Aber man muss immer optimistisch sein. Wir hoffen, dass es jetzt noch richtig gut wird, damit wir dann über den Winter kommen.“ Wer die beiden zur Hochsaison besucht, sieht nicht nur Eriks Füße in Klompen stecken, sondern auch jede Menge gelbe Nummernschilder an den Wagen.

Das überrascht selbst manchen Holländer. So ging es vorigen Sommer Nicoline und Kees Teekman. Im ersten Augenblick waren die beiden Holländer überhaupt nicht begeistert, geben sie zu: um sie herum nur Landsleute. Und das im Urlaub. Im Ausland. Geahnt hat das vielgereiste Ehepaar das vor seiner Entscheidung, Urlaub zwischen Lauenburg und Bleckede zu machen, kaum. „Wir haben nicht gewusst, dass hier so viele Holländer sind“, beteuerte Kees Teekman (63).

Der erste Schreck über die vielen gelben Autokennzeichen und das vertraute Sprachgewirr auf dem Platz war jedoch schnell überwunden, und den Teekmans gefiel es an der Elbe so gut, dass sie länger blieben.

Damit sind sie nicht die Einzigen. „90 Prozent der Leute bleiben länger als geplant“, sagt Erik, der jeden Gast mit einem freundlichen „Hi, ich bin Erik, wie geht’s?“ begrüßt. „Das heißt ja, dass die Leute gerne bei uns sind und sie zufrieden sind. Dann sind wir es auch.“ Im Campingplatz-Restaurant kocht Aliena holländische Frikandel und Gehaktbal. Und zwei weitere Klischees erfüllt Erik neben seiner Freundlichkeit: Erstens stapft er mit Klompen, holländischen Holzschuhen, über den Platz (weil er in anderen Schuhen Fußschmerzen bekommt), und zweitens stapft er eigentlich gar nicht, sondern fährt Fahrrad. Jede noch so kurze Strecke.

Und warum kommen nun all die Landsleute nach Radegast? Dafür gibt es vier Gründe. Erstens: Der Vorgänger hat viel Werbung in Holland gemacht. Zweitens: Die Kaspers waren bei diversen Camping-Messen in den Niederlanden. Drittens: In der Heimat spricht es sich rum, dass die Kaspers jetzt „ein Camping“ in Deutschland haben. Und viertens: Kaspers Campingplatz „Elbeling“ ist in Holland auf der Liste der Bauerncampings gelistet. „Kamperen bij de boer“ heißen die kleinen, aber feinen Plätze in den Niederlanden, die an Bauernhöfen angesiedelt und in Holland die wahren Geheimtipps für mobile Urlauber sind.

Jetzt wollen die beiden aber versuchen, dass noch mehr Deutsche kommen, denn eines verstehen sie wirklich nicht, sagt Erik: „Dass so wenig von ihnen wissen, wie schön es hier ist. Es gibt hier Schwarzstörche, Seeadler, Kraniche und den Biber. Ich habe Gäste, die seit 30 Jahren in Lüneburg leben und sagen, sie kannten den Ort gar nicht.“

Und wenn Besucher ihn kennenlernen, wird manchmal aus einem Gast für eine Nacht ein Dauercamper: wie bei einem jungen Berliner, der nur einen Tag bleiben wollte, es dann für zwei Wochen tat und schließlich einen Jahresplatz mietete. Oder die junge Frau, die bis nach Dänemark radeln wollte und dann für 17 Tage blieb. Es kommen eben doch nicht nur Holländer nach Radegast.