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Schwitzen gegen Stürze

off Bleckede. Die Sportstunde im Seniorenheim beginnt morgens um zehn mit einem Stuhlkreis. Der 84-jährige Christian Schmidt hält einen Schaumstoffball in den Händen, blickt nach links, nach rechts, wieder nach links, dann ruft er „Gerda“ und wirft den Ball seinem Gegenüber zu. Die 82-Jährige fängt ihn, schaut in die Runde, sagt „Traute“ und gibt den Ball an ihre Sitznachbarin weiter. Nach wenigen Minuten ist das Namensgedächtnis aller fünf Teilnehmer aufgefrischt und die erste Lektion abgeschlossen. Der Geist ist wach. Das Training des Körpers kann beginnen.

Seit Januar gibt es das Sportangebot in der betreuten Wohneinrichtung des Albert-Schweitzer-Familienwerks in Bleckede, der offizielle Titel: „Kraft- und Balancetraining“. Gezielt trainieren die Senioren einmal in der Woche 60 Minuten lang Gleichgewicht, Koordination und Reaktion, absolvieren jedes Mal ein gutes Dutzend Übungen und hoffen, damit ihr Sturzrisiko im Alltag senken zu können. Ein Ansatz, den seit einigen Jahren immer mehr Alten- und Pflegeheime auch im Landkreis Lüneburg verfolgen: Vorsorge gegen Knochenbrüche.

Vor allem ältere Menschen sind oft wackelig auf den Beinen, stürzen schnell, besonders häufig in Pflegeheimen. Mehr als jeder zweite Bewohner fällt nach AOK-Angaben einmal im Jahr, 50 000 Heimbewohner werden in Deutschland jährlich wegen Kochenbrüchen behandelt. In Bleckede haben Christian Schmidt und seine Sportkameradinnen beschlossen, etwas dagegen zu tun. Auch wenn es zwickt, zieht und die Muskeln manchmal auch am nächsten Tag noch schmerzen. „Der Sport tut gut“, sagt Gerda Wienck. Nicht nur dem Körper.

Die 82-Jährige hat erst vor kurzem ihren Mann verloren, wird zu Hause vom Albert-Schweitzer-Familienwerk betreut, ist viel allein. Und manchmal einsam. Seit ein paar Wochen fährt sie jeden Montag zum Sport in die Wohnanlage nach Bleckede. Die Sturzprophylaxe ist dabei das eine, die Menschen, die sie trifft, das andere. „Ich bin unter Leuten“, sagt sie, „das ist das Wichtigste“. Gleichzeitig will sie die „eingerosteten Knochen“ beweglich halten. 60 Minuten Kur für Körper, Geist und Seele.

Die erste halbe Stunde Training ist vorbei. Klaudia Becker holt die Hanteln aus einem Pappkarton. Bei der AOK hat die Altenpflegerin eine Fortbildung besucht und gelernt, wie sie die Senioren bei den verschiedenen Übungen anleiten und worauf sie achten muss. Je nach Trainingszustand verteilt sie 0,5, 1 und 1,5 Kilogramm schwere Hanteln, dann nimmt sie selbst ein Gewicht in jede Hand, setzt sich und streckt beide Arme in die Luft. „So meine Lieben, los geht es, zehn Mal strecken, halten, zurück.“ Sie weiß, bei fast allen Teilnehmern zwickt die Übung an einer anderen Stelle. Trotzdem machen alle mit. Und trainieren bis zum Ende der Stunde Schulter, Arme, Gesäß, Unterschenkel, Oberschenkel und Waden. „Die Muskulatur, die für die Mobilität wichtig ist“, sagt sie.

Ein paar Übungen später sind die Hanteln wieder im Pappkarton verschwunden und zwischen den Füßen der Senioren klemmen bunte Luftballons. Auf Klaudia Beckers Kommando heben alle Beine und Ballon vom Boden, halten die Position und setzen die Füße wieder ab. Zehn Mal. Dann kommt die nächste Lektion. Hinstellen. Am Stuhl oder Gehwagen festhalten. Und auf Zehenspitzen stellen. „Das sieht leicht aus“, sagt Klaudia Becker, „aber am Anfang hatte auch ich am nächsten Tag Muskelkater.“

Die Senioren trainieren bei der Sturzprophylaxe zum einem Kraft, zum anderen Koordinations- und Reaktionsvermögen. Links, rechts, oben, unten, hinten, vorne. Klaudia Beckers Ansagen fordern auch den Kopf. „Und das merkt man“, sagt die 86 Jahre alte Traute Leitzke. Ein bisschen fühle es sich so an, als wenn der Sport auch das Gehirn auf Trab bringt. Der Geist wird wacher, der Körper ein bisschen kräftiger – das ist kein Jungbrunnen und kein 100-prozentiger Schutz vor Stürzen. Trotzdem macht es das Alter mobiler. Und das Leben montagmorgens ein bisschen geselliger.