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Mit drei symbolischen Schüssen eröffnet Erhard Brandes als Kaiser Wilhelm I. die Jagd in der Göhrde. Ihm zur Seite steht als damaliger Göhrde-Förster Wallmann Bernhard Kiriczi. Foto: t&w
Mit drei symbolischen Schüssen eröffnet Erhard Brandes als Kaiser Wilhelm I. die Jagd in der Göhrde. Ihm zur Seite steht als damaliger Göhrde-Förster Wallmann Bernhard Kiriczi. Foto: t&w

Das Vermächtnis der kaiserlichen Jagd

dth Göhrde. Die Wildschwein-Attrappen stehen schon zum Abschuss bereit. Doch zunächst spenden hunderte, Spalier stehende Zuschauer Applaus, als der Jagdherr in preußischer Uniform gewandet, nebst Gattin aus der Kutsche steigt. Das Waldmuseum „Naturum Göhrde“ hat gestern ein Stück Kaiserzeit wieder lebendig werden lassen, angedenk der letzten kaiserlichen Jagd in der Göhrde vor 100 Jahren – zusätzlich mit Wildbraten, Bogenschießen und Wildtierquiz für jedermann. Im Hintergrund schwelt allerdings nach wie vor der jahrelange Konflikt um das Jagdschloss Göhrde, das gestern überraschend für die Allgemeinheit geöffnet wurde. Bei einer Gästeführung räumt die Eigentümerin ein, dass sie sich die Heizkosten für das historische Gebäude nicht mehr leisten könne.

Für die musikalische Einstimmung vor herbstlicher Waldkulisse sorgt zunächst die Bläsergruppe des Hegerings Elbmarsch-Ost. Während im Hintergrund die Jagdhörner erklingen, erklärt Michael Schütte vom Naturum-Team im LZ-Gespräch: „Im November 1913 war Kaiser Wilhelm II. zum letzten Mal in der Göhrde jagen.“ Dabei sei die kaiserliche Jagd aus heutiger Sicht „unwaidmännisch“ verlaufen und sei eher negativ zu bewerten. „Damals war die gesamte Göhrde eingegattert, mit 5000 Hektar Fläche. Und bevor der Kaiser für zwei Tage zum Jagen kam, wurde das Wild zusammengetrieben, in kleineren Kammern eingepfercht und dann wurde eine lange und schmale Schießbahn aufgebaut und an deren Strecke wurden die Schützen positioniert. An erster Stelle stand immer der Kaiser, um sicherzustellen, dass der am meisten Schießen konnte.“ So seien etwa an einem Vormittag 288 Stück Schwarzwild niedergeschossen worden.

Schütte: „Man darf aber auch nicht vergessen, dass die 1000 Jahre feudale Jagdtradition diesen alten Waldstandort Göhrde so erhalten hat, wie wir ihn heute lieben, mit seltenen Arten wie den Hirschkäfer.“ Seit dem Mittelalter sei die Göhrde sogenannter Bannwald gewesen, persönliches Jagdgebiet der jeweiligen Landesherrschaft. Schütte: „Sonst wäre das hier genauso ratzekahl abgeholzt worden, wie die Lüneburger Heide.“

In die Klänge der Jagdhorn-Bläser mischt sich ein psychodelisches Tuten und Pfeifen, das aus dem nahegelegenden Brunnen ertönt. Dr. Erich Bäuerle hat ein paar Klanginstallationen aufgebaut. „Ich habe 50 Jahre lang die Moislinger Wasseransichten ausgestellt und habe seit Mitte des Jahres die Zusage von der Forstverwaltung, in der Göhrde einen Wasserklangpfad einrichten zu dürfen und am Kateminer Mühlenbach mit Wasser und Klang experimentieren zu lassen.“ So wie mit den Grundwasserflöten, die er als Vorgeschmack vor dem Brunnen des Naturums aufgebaut hat. Bäuerle: „Es ist immer wieder toll zu sehen, wie es nicht nur Kinder begeistert, sondern auch Erwachsene große Augen bekommen.“

Große Augen bekommt auch Forstexperte Peter Bauer, als er auf Kaisers Spuren rund 100 Interessierte auf eine Waldführung mitnimmt und sagt an die Zuhörer gerichtet: „Was ich eben erst sehe, wir haben heute eine Sondersituation: Das Jagdschloss, das sonst nicht für die Allgemeinheit geöffnet ist, bietet heute Führungen an. Nutzen sie die Gelegenheit, wer weiß, ob sie dort jemals wieder reinkommen.“

Skeptisch ist noch Thomas Stegemann, Bürgermeister der Gemeinde Göhrde, auf LZ-Nachfrage sagt er: „Sieglinde Gränzer hat 2008 das Jagdschloss übernommen. Die Konzepte, die sie dafür vorgelegt hat, stehen zueinander im Widerspruch. Es ist bis heute keine Besserung in Sicht. Für die Gemeinde, für die Göhrde und das Jagdschloss würde ich mir wünschen, dass wir einen anderen Käufer finden, der mit einem neuen Konzept das Göhrder Jagdschloss wiederbelebt.“ Früher hatte dort das Bildungszentrum Göhrde seinen Sitz, mit bis zu 20 000 Übernachtungen im Jahr, sagt Stegemann. Die Zeiten sind vorbei.

Seit 2008 versucht Sieglinde Gränzer als neue Eigentümerin nach eigenem Bekunden ein spezielles Tagungs-Angebot umzusetzen, leidet aber unter einem hohen Kostendruck. Und: „Was wir unterschätzt haben, ist die Hartnäckigkeit der Region, an alten Konzepten festzuhalten“, sagt Gränzer auf LZ-Nachfrage. Die Einnahmen aus Seminar-Buchungen reichten allerdings nicht aus, um die Heizkosten im Winter zu decken. Dass von außen der Eindruck entstünde, dass das Gelände allmählich verwahrlose, hänge damit zusammen, „dass wir mit der Gartenarbeit nicht hinterherkommen. Uns ist vor allem wichtig, dass wir im Inneren der Gebäude Leben reinbekommen“. Dabei könnte sie nun indirekt vom Engagement der ehemaligen Mitarbeiter des Bildungszentrums Göhrde profitieren, die nun für das Naturum arbeiten. Denn nach der historischen Nachstellung der kaiserlichen Jagd traf Gränzer auf Nico Lembke vom Verein „Der Kaiser kommt“ und vereinbarte mit ihm, künftige Kooperationen auszuloten – im einst kaiserlichen Jagdschloss.

One comment

  1. Hans Peter Schmidt

    Das ist eine Frechheit, von Leute in Göhrde die seit 5 Jahren Ihre Trinkwasser gar nicht mehr zahlen, sowas an die Presse in eine feierliche Tag zu erzählen! Stegemann: „einen anderen Käufer finden“ Wo lebt Er? Hat der Göhrder Bürgermeister Thomas Stegemann noch Alle Tassen im Schrank? Fiesen Sachen erzählen, schlechte Gerede oder jammern bringt nicht. Das ist miese. Und das soll in sofort in Göhrde aufhören.
    Außerdem der arme arme ausgestopften Wildschwein Anton, der im Jagdschloss Eingang gehört, war in 2008 „entfernt“. Und nun tauchen die historisches Objekten von Jagdschloss Göhrde im Gemeinde Göhrde Waldmuseum! Bitte erklären Sie mir das.