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Umgeben von Kindern ist Esther Kadur glücklich. Die 99-Jährige hält stets Süßigkeiten für ihre kleinen Lieblinge bereit  auch zur Freude der ehemaligen Leiterin des Kinder- und Jugenddorfes Salem-Kovahl, Hella Olszewski (hinten). Foto: t&w
Umgeben von Kindern ist Esther Kadur glücklich. Die 99-Jährige hält stets Süßigkeiten für ihre kleinen Lieblinge bereit auch zur Freude der ehemaligen Leiterin des Kinder- und Jugenddorfes Salem-Kovahl, Hella Olszewski (hinten). Foto: t&w

Ein Leben für die Kinder

emi Kovahl. Ein Altersheim kam für Esther Kadur nie in Frage. Mit 91 Jahren brach sie ihre Zelte in Hamburg ab, lebt seit acht Jahren mit ihrem Sohn im Mehrgenerationenhaus des Kinder- und Jugenddorfs Salem-Kovahl. Von ihrem Wohnzimmer-Balkon in Nahrendorf kann die Seniorin den Kindern beim Spielen zusehen. Und auf ihrem Sofatisch steht immer eine Schale mit Keksen bereit, für den Fall, dass die Kleinen etwas Süßes wollen. „Ich bin glücklich“, sagt Esther Kadur, lehnt sich gegen die geblümte Kopfstütze ihres Sessels und lacht. 99 Jahre ist die älteste Bewohnerin des Salem-Dorfes jetzt geworden. Obwohl sie viel Schlimmes erlebt hat, strahlt sie eine Lebensfreude aus, die ansteckt.

Geboren wurde Esther Emmert, so ihr Mädchenname, in Bern. Der Vater war Schweizer, die Mutter aus dem Alten Land. 1922 zog die Familie nach Deutschland, um den großelterlichen Hof in Cranz im Alten Land zu übernehmen. Esther Kadur ging zur Schule, machte ihr Kindergärtnerinnenexamen, träumte davon, mit dem Schiff nach Afrika zu fahren und dort als Kindergärtnerin zu arbeiten. „Dann brach der Krieg aus und warf alle Pläne um.“ Die Liebe zu den Kindern blieb bis heute.

Im Nahrendorfer Kinder- und Jugenddorf leben 17 Kinder im Alter zwischen wenigen Tagen und 19 Jahren, die Opfer von Missbrauch und Vernachlässigung geworden sind. „Sie haben Eltern, die den Erziehungsaufgaben nicht gewachsen sind“, erklärt die ehemalige Leiterin Hella Olszewski beim Rundgang über das Gelände. Gartenanlagen, ein Spielplatz, eine Backstube, ein Reitbetrieb und mehr gehören zu der 1976 gegründeten Siedlung. Je vier bis sieben Kinder und Jugendliche wohnen zusammen in einem Familienhaus, das von einer Hausmutter oder einem Hausvater geleitet wird. Auch ältere Menschen sollen im Dorf wie in einer gesunden Großfamilie leben. Im Mittelpunkt des pädagogischen Wirkens stehen Nächstenliebe und soziale Gerechtigkeit christlich-humanitäre Werte, die auch Esther Kadur am Herzen liegen.

Im Krieg bastelte und nähte sie mit Müttern alles, was es nicht zu kaufen gab. Sie arbeitete als Erzieherin, Heimleiterin, Schulleiterin. „Alles, was mit Menschen zu tun hatte, hab ich gemacht“, sagt die 99-Jährige. Unterdessen verfolgte Esther Kadur mit großem Interesse, wie das Salem-Dorf über die Jahre wuchs. Als sie schließlich hörte, dass dort auch Erwachsene aufgenommen werden, fuhr sie hin, guckte sich um und war sofort begeistert.

„Früher waren auch andere Ältere hier, aber die sind schon gestorben“, sagt Esther Kadur und blickt auf ihre Hände. Sie ist die letzte Salem-Großmutter und mit ihrer Lebenserfahrung ein Vorbild für die Jugendlichen. „Früher kamen die Kinder zu mir, wenn sie Kummer hatten, aber das hat nachgelassen. Meine Ohren wollen nicht mehr so.“ Doch klagen ist Esther Kadurs Sache nicht.

Sie ist dankbar für die guten Momente und die schlechten. Denn sie glaubt fest daran: „Ich habe einen Herrgott, der mich bewahrt hat vor allem Schweren. Und wenn es doch einmal schwer war, habe ich das Beste daraus gemacht.“