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Archäotechniker Harald Fricke. Foto: ml
Archäotechniker Harald Fricke. Foto: ml

Am Anfang war das Feuer

ml Südergellersen. Gemeinsam mit seiner Frau sitzt Harald Fricke auf dem Balkon seiner Wohnung und macht das, was er am liebsten tut: experimentieren. Das Ergebnis ist „das kleinste Feuerzeug, das man haben kann und das ohne Gas und Benzin funktioniert“. Es besteht aus einem Magnesiumstab und einem Tampon. Begeistert von der Stichflamme gibt der 54-Jährige sein Wissen weiter – unter anderem in Kursen an der Erlebnisschmiede in Südergellersen.

Schon vor 20 Jahren hat der gelernte Fotografenmeister seinen Job in der Werbefotografie an den Nagel gehängt und sein Hobby Archäologie zum Beruf gemacht. Als Archäotechniker probiert er praktisch aus, was Archäologen theoretisch für möglich halten. Wie Werkzeuge, Waffen und Kleidung hergestellt oder Häuser und Hütten gebaut wurden. „Nur gab es das Berufsbild des Archäotechnikers vor zwei Jahrzehnten noch nicht“, erzählt der 54-Jährige. Eines Tages hätten Archäologen an der Uni Hamburg befunden, nun wisse er genug, „und fortan durfte ich mich Archäotechniker nennen“.

Heute gibt es an der Universität Tübingen einen eigenen Studiengang für „experimentierfreudige Archäologen“, wie Fricke sich selbst auch nennt. Und als solcher antwortet der untersetzte Mann mit dem langen Ziegenbart auf Fragen von Kursteilnehmern, die mit „Kann man auch …?“ beginnen, immer gleich: „Probier’s doch aus.“

So auch an diesem sonnigen Herbstsonntag in Südergellersen. Um Fricke schart sich ein bunt zusammengewürfelter Haufen, der lernen will, wie man Feuer macht – ohne Streichhölzer, ohne Feuerzeug, so wie früher eben. Vom Grundschüler über den Kommunikationselektroniker und die Realschullehrerin bis hin zur rüstigen Rentnerin sind viele Gesellschaftsbereiche vertreten. So unterschiedlich die Motive jedes einzelnen auch sind, so gilt doch für alle: „Am Anfang war das Feuer“, sagt Patrick Schell aus der Nähe von Lübeck. „Es ist die Grundlage des Lebens.“ Er selbst outet sich als „Stubenhocker vor dem PC“. Kurse wie den von Fricke sieht Schell „als meine Chance, einfach mal rauszukommen“.

„Feuer weckt noch heute die Ur-Instinkte“, sagt Fricke, „es ist Wärme, Essen, Geselligkeit.“ Niemand könne der Faszination des Feuers widerstehen: „Am Ende stinken alle nach Rauch und sind glücklich. Egal, ob Arbeitsloser, Akkordarbeiter oder Akademiker.“

Feuermachen fängt für den Archäotechniker im Kopf an: „Es ist eine Frage der Geduld und der inneren Ruhe.“ Wie zur Bestätigung schlägt der 54-Jährige den Feuerstahl sanft über die scharfe Kante des Feuersteins – und lässt die Funken fliegen. Kurz darauf versucht es auch der Rest der Gruppe. Nichts passiert. „Feuermachen“, sagt Fricke und grinst, „ist schwierig.“

Kritisch sind vor allem die Übergänge. „Wenn ich einen Funken erzeuge, habe ich noch lange keine Glut, mit Glut noch lange keine Flamme und mit einer Flamme noch lange kein Feuer“, erklärt der 54-Jährige. Ein Feuer brauche viele Häufchen: Zunder, der vom Funken entfacht wird, dürre Äste oder Strohhalme, die aus der Glut eine Flamme werden lassen, kleine Holzstücke, die der Flamme Nahrung geben und große Holzscheite, um das Feuer zu erhalten.

Zunder gewinnt Fricke aus Rohrkolbensamen, die er einsammelt, zweimal wäscht und trocknet. Oder aus Pappelsamen, Diestelwolle, getrockneter Birkenrinde und vielem mehr. Der Feuerschläger aus Stahl ist selbst geschmiedet, „Feuersteine findet man fast überall“, sagt Fricke.

Dass in Europa Menschen Feuer mit Hilfe von Reibung erzeugt haben, hält der Archäotechniker „für Quatsch“. „Dafür ist es in unseren Breitengraden viel zu feucht, Hinweise für den Gebrauch von Feuerbohrern finden sich erst in Nordafrika“. Dennoch sitzen nur eine Stunde später seine Kursteilnehmer begeistert an der Werkbank und stellen ihre eigenen Feuerbohrer her – bestehend aus einem Feuerbrett und einer Spindel, beides aus Weichholz, einem Handstück aus Hartholz und einem Feuerbogen mit Schnur. Der Feuerbogen treibt die Spindel an, auf deren einem Ende das Handstück sitzt. Das zugespitzte andere Ende dreht sich in einer Bohrung auf dem Feuerbrett – so lange, bis feiner Rauch aufsteigt, sich das abgeraspelte Weichholz entzündet. Das ist schweißtreibend, der Muskelkater programmiert.

Doch das kann Anja Krane nicht schrecken. Die 41 Jahre alte Realschullehrerin ist von Warendorf im Münsterland nach Südergellersen gekommen. „Ich verbuche den Kurs als Fortbildung, baue gerade einen Feuerbohrer für den Unterricht.“ Denn die Geschichtslehrerin will ihren Schülern nicht nur angelesenes, sondern auch praktisches Wissen mit auf den Weg geben.

Krane gegenüber rundet Elisabeth Müller* die Spindel für ihren Feuerbohrer mit einem Hobel ab. Aufgewachsen in der Nachkriegszeit, will Müller wissen: „Wie kann man sich in Notzeiten helfen. Zum Beispiel Feuer machen ohne moderne Hilfsmittel.“ Als die Feuerbohrer fertig sind und jeder Kursteilnehmer sein Werkstück testet, ist schnell klar: Feuermachen ist mehr als schwierig, auf einen Feuerbohrer sollten Laien sich nicht verlassen. Wenn’s schnell gehen soll, greift selbst Fricke zu Magnesium-Feuerstarter und Tampon.

*Name von Red. geändert