Aktuell
Home | Lokales | Gellersen | Erzieher dringend gesucht
Gellersens Samtgemeindebürgermeister Josef Röttgers hat zuletzt rund 8000 Euro in die Hand genommen, um eine offene Stelle im Kindergarten Kirchgellersen zu bewerben.
Gellersens Samtgemeindebürgermeister Josef Röttgers hat zuletzt rund 8000 Euro in die Hand genommen, um eine offene Stelle im Kindergarten Kirchgellersen zu bewerben.

Erzieher dringend gesucht

dth Reppenstedt/Lüneburg. Erzieher haben bei der Jobsuche die Qual der Wahl auch wenn die Bezahlung, trotz des jüngsten Tarifabschlusses, vergleichsweise unattraktiv bleibt. Und die Kommunen müssen auf der anderen Seite zusehends um geeignete Bewerber ringen, um freie Stellen in Kindergärten und Krippen besetzen zu können. „Der Fachkräftemangel ist bei uns schon angekommen“, sorgt sich beispielsweise Gellersens Samtgemeindebürgermeister Josef Röttgers (parteilos). Seine Samtgemeinde hat den Bereich Kinderbetreuung seit Jahren auch für die Mitgliedsgemeinden übernommen und beschäftigt derzeit mehr als 60 Erzieher und Sozialassistenten auf insgesamt 47,65 Stellen. Weil es immer schwieriger werde, geeignete Kräfte zu finden, sieht Röttgers auch den Landkreis Lüneburg in der Pflicht, die Ausbildungskapazitäten an der Berufsfachschule zu erhöhen. Das sei nun geplant, bestätigt auf LZ-Nachfrage Landrat Manfred Nahrstedt.

In den vergangenen Jahren boomte auch im Landkreis Lüneburg der Krippenausbau, doch die Zahl der angebotenen Ausbildungsplätze für Erzieher an der Lüneburger Berufsbildenden Schule III in Trägerschaft des Landkreises stagnierte. Wer in den Beruf einsteigen will, kann mit einer zweijährigen Ausbildung an der Berufsfachschule zum Sozialassistenten beginnen. Der nächste Ausbildungsschritt zum Erzieher dauert weitere zwei Jahre. Zuletzt wurde die Zahl der verfügbaren Plätze an der Berufsfachschule 2007/08 erhöht: von maximal 75 auf maximal 108 Plätze für angehende Sozialassistenten. Zuletzt interessierten sich laut Kreissprecherin Frauke Noweck für die 108 Plätze 219 Bewerber.

Von Oktober 2007 bis Oktober 2013 ist hingegen die Zahl der Betreuungsplätze allein im Krippenbereich in Stadt und Landkreis Lüneburg massiv gestiegen, von 247 auf zuletzt 956. Die personellen Konsequenzen lassen sich exemplarisch gut an der Samtgemeinde Gellersen ablesen. Beschäftigte die Samtgemeinde 2007 noch 22 Mitarbeiter auf 14,55 Erzieher-Vollzeitstellen, hat sich die Zahl mittlerweile mehr als verdoppelt auf 48 Mitarbeiter beziehungsweise 36,7 Vollzeitstellen allein für Erzieher. Rechnet man jeweils die Leitungspositionen und Sozialassistenten hinzu, hat sich die Stellenzahl insgesamt von 22,5 auf 47,65 erhöht, die Zahl der Mitarbeiter in der Gellerser Kinderbetreuung insgesamt von 30 auf 61.

Gellersens Verwaltungschef Röttgers sagt: „Allein seit 2010 haben wir 22 neue Stellen geschaffen. Und es wird immer schwieriger, Personal zu finden. Allein für die jüngste Erzieherstelle im Kindergarten Kirchgellersen mussten wir rund 8000 Euro in die Hand nehmen, um die Position zu bewerben.“ Allerdings mit wenig Erfolg. „Schließlich haben wir durch Zufall eine geeignete Kraft aufgrund einer Initiativbewerbung gefunden.“

Laut Röttgers lege die Samtgemeinde aus Qualitätsgründen besonderen Wert darauf, den gesetzlich vorgeschriebenen Personalschlüssel in der Kinderbetreuung zu übertreffen, derzeit 2,3 bis 2,4 Stellen pro Kita-Gruppe anstatt zwei. Sollten allerdings die auch in der Landespolitik diskutierten Maßnahmen greifen, wie die dritte Betreuungskraft im Krippenbereich sowie eine Reduzierung der Gruppengrößen, „dann habe ich große Sorge“, so Röttgers, „dass wir unseren Bedarf an Erziehern dann noch decken können. Der Markt ist jetzt schon fast leer.“

Da will jetzt der Landkreis Lüneburg gegensteuern. Landrat Manfred Nahrstedt sagt auf LZ-Nachfrage: „Nach Absprache mit Schulleiterin Christiane Pätz wollen wir an der Berufsfachschule der BBS III noch in diesem Jahr eine vierte Ausbildungsklasse für Sozialassistenten und Erzieher einrichten sowie eine weitere Klasse für Quereinsteiger. Und unser Ziel ist es zum Schuljahr 2015/16 zusätzlich eine Teilzeitklasse anzubieten.“ Diese Schritte seien jetzt möglich, nachdem das Land Niedersachsen grünes Licht für die Einstellung weiterer Lehrkräfte gegeben habe. Nahrstedt: „Vor einem Jahr sah das noch anders aus.“

 

Reform der Ausbildung gefordert

Den gestiegenen Wettbewerbsdruck bei der Nachfrage nach Erzieherinnen und Erziehern registriert auch die Hansestadt Lüneburg. Stadtsprecher Daniel Steinmeier sagt auf LZ-Nachfrage: „Wir haben jedoch bisher unsere offenen Stellen immer noch besetzt bekommen. Aber der Bedarf ist weiterhin da, wir suchen laufend und wollen uns einen Personalpool anlegen, auf den wir zurückgreifen können, sei es für bestehende oder neue Einrichtungen.“ Zudem versuche sich die Stadt als Arbeitgeber zusätzlich attraktiv zu halten, beispielweise durch Weiterbildungs- und Qualifizierungsangebote sowie gesundheitserhaltende Maßnahmen. Steinmeier: „Aus unserer Sicht ist allerdings die Ausbildungsstruktur im Erzieherberuf veraltet und muss verändert werden.“ Deshalb werbe Oberbürgermeister Ulrich Mädge auch auf der Ebene des Niedersächsischen Städtetages dafür, der Erzieherausbildung eine duale Struktur zu geben, wie es beispielsweise in Pflegeberufen oder im Handwerk üblich ist.

Richard Lauenstein vom niedersächsischen Landesverband der „Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft“ in Hannover sagt auf LZ-Nachfrage: „Jeder Beruf, der mit Menschen zutun hat, braucht gute Ausbildungsbedingungen. Der Beruf des Erziehers ist eine hochgradig verantwortliche Tätigkeit. In Konsequenz dessen werden beispielsweise in Frankreich oder Belgien solche Kräfte an Hochschulen ausgebildet und auch entsprechend bezahlt. Niedersachsen hat zwar mit der vier- statt dreijährigen Ausbildung bereits einen Schritt nach vorne getan, wird aber nicht umhin kommen, die Ausbildung verstärkt nach hochschulischen Gesichtspunkten zu gestalten.“ Und auch die Bezahlung müsse stimmen. „Derzeit verdienen Erzieher weniger, als andere Berufe, die mit Bildung und Erziehung zu tun haben, und werden damit unter Wert bezahlt.“ Beispielsweise verdiente ein Erzieher bisher in der Entgeltgruppe 6 nach einem Jahr Berufserfahrung 2438 Euro Brutto. Lauenstein: „Etliche haben einen Teilzeitvertrag, damit verringert sich das Gehalt entsprechend und die Lebenshaltungskosten sind nicht gerade gesunken. Dabei sind Bildung und Erziehung keine Billigangelegenheit, die man nebenbei organisieren kann, sondern sind eine gesellschaftliche Aufgabe, die Geld kostet.“

 

Weniger Bewerber

Gemessen an dem Verhältnis von Arbeitslosen im Bereich Erzieher / Sozialarbeiter / Heilerziehungspfleger zu den gemeldeten sozialversicherungspflichtigen Arbeitsstellen im Landkreis Lüneburg kann die Agentur für Arbeit Lüneburg-Uelzen keinen Engpass an Fachkräften feststellen, sagt Agentur-Sprecherin Jeannette Unterberger. „Wir sprechen von einem Engpass, wenn weniger als drei Bewerber auf eine Arbeitsstelle kommen.“ Derzeit kommen in dem Bereich, nur bezogen auf den Landkreis Lüneburg, derzeit 4,7 Bewerber auf eine Stelle. Vor sieben Jahren, vor dem flächendeckenden Krippenausbau, sah es aber noch ganz anders aus: Im März 2007 verzeichnete die Agentur für Arbeit im Kreis Lüneburg 229 Arbeitslose bei acht gemeldeten Stellen, also mehr als 28 Bewerber auf eine Stelle. Im März 2008 waren es rechnerisch 188 Bewerber auf 15 Stellen, ein Verhältnis von 12,53. Seit 2012 haben sich die Zahlen auf dem heutigen Niveau eingependelt. Nicht berücksichtigt sind dabei die Lage und Verteilung von Bewerbern und Stellen im Kreis oder der Fachkräfte-Wettbewerb beispielsweise innerhalb der Metropolregion Hamburg.