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Die syrische Flüchtlingsfamilie will sich in Melbeck eine Zukunft aufbauen. Foto: t&w
Die syrische Flüchtlingsfamilie will sich in Melbeck eine Zukunft aufbauen. Foto: t&w

„Es war die reine Hölle“

Es ist die Wahl zwischen Pest und Cholera. Zwischen Bürgerkrieg oder der Gefahr, auf hoher See elendig zu ertrinken. Wahrlich keine einfache Entscheidung. Und doch hat sie der Syrer Wael Alhindi getroffen. Weil er sie einfach treffen musste.

Melbeck. Der 31-Jährige ist mit seiner Familie aus Syrien geflüchtet. Einem Land, in dem Bürgerkrieg herrscht. Einem Land, in dem tagtäglich Menschen sterben — erschossen werden, in die Luft gesprengt, zu Tode gequält. Einem Land, in dem Giftgas gegen die Bevölkerung eingesetzt wird. Das ist die Situation in ihrer Heimat, in der sich die siebenköpfige Familie nicht mehr sicher fühlte, die sie auf abenteuerlichem Wege verlassen hat. Auf Umwegen — auch mit Hilfe von profitgierigen Schleusern. In einem Flüchtlingsboot — zusammengepfercht mit 170 anderen Menschen — wagte die Familie die gefährliche Überfahrt über das Mittelmeer.

Wael Alhindi und seine Angehörigen haben trotzdem Glück gehabt: Sie haben überlebt. Jetzt hat die Familie erst einmal Unterkunft in Melbeck gefunden — Deutschland, so hofft es die Flüchtlingsfamilie, soll ihre neue Heimat werden. ,,Die Menschen hier sind freundlich und nett. Wir wurden herzlich aufgenommen“, freut sich Wael Alhindi und fügt hinzu: ,,Die Nachbarn bringen uns sogar Spielsachen, Kleidung und Schuhe vorbei.“

Glück hatte die Familie auch, was die Unterkunft betrifft: Die Samtgemeinde hat ein Einfamilienhaus für die Alhindis anmieten können: ,,Die Wohnsituation ist so natürlich ideal“, freut sich für die syrische Flüchtlingsfamilie Christiane Bundt von der Samtgemeinde. Endlich wieder ein wenig Platz, endlich wieder eine Privatsphäre — und vor allem: Endlich keine Angst mehr um Leib und Leben haben müssen.

Denn die zurückliegenden Wochen und Monate müssen die Hölle gewesen sein für die Familie — vor allem auch für die Frauen: Wie die Situation war auf dem Flüchtlingsboot, berichtet Haya Al Hendi, die Schwester von Wael Alhindi: ,,Wir waren 170 Menschen an Bord, Männer, Frauen, Kinder — eingepfercht wie die Sardinen.“

Für die Schlepper sind die Flüchtlinge ein todsicheres Geschäft, im wahrsten Sinne des Wortes: 3000 Dollar muss jeder erwachsene Flüchtling für einen Platz an Bord der Seelenverkäufer bezahlen, Kinder kosten die Hälfte. ,,Damit verdienen die Bootsbesitzer am Leid der anderen prächtig. Mit einer Überfahrt 400000 Dollar und mehr“, rechnet Wael Alhindi vor.

Sieben Tagen dauerte die Überfahrt: ,,Die letzten beiden Tage gab es für alle an Bord überhaupt kein Essen mehr“, berichtet Wael Alhindi. Toiletten? Fehlanzeige. Wer ein Bedürfnis hat, muss es in einen Eimer verrichten, den Inhalt über Bord entsorgen. Auch die Frauen. ,,Unvorstellbar“, ekelt es Wael Alhindis Ehefrau Reem Abo Issa noch immer an.

Schon das Erreichen des Flüchtlingsschiffs ist ein Abenteuer: Mit kleinen Zubringerbooten werden die Flüchtlinge nach den Worten der Alhindis zum eigentlichen Flüchtlingsschiff transportiert, das weit vor der ägyptischen Küste auf seine menschliche Fracht wartet. Und so, wie die Menschen an Bord kommen, müssen sie es auch wieder verlassen: ,,Vor der sizilianischen Küste mussten wir wieder in kleine Boote umsteigen, mit denen wir dann an Land gefahren sind“, berichtet der 31-Jährige.

Dass Boote kentern, viele Menschen ihren Wunsch nach einem besseren Leben in Europa mit dem Ertrinken bezahlen müssen, weiß auch die syrische Flüchtlingsfamilie: ,,Jeden Tag hört man Geschichten“, gibt Wael Alhindi zu. Doch es zählen nur die Geschichten von denen, die es geschafft haben… Sollte eines Tages Assad tatsächlich besiegt werden, sollte das geschundene Land gar einmal wieder zur Ruhe kommen — ein Zurück nach Syrien kann sich die Familie selbst dann nicht mehr vorstellen. Denn nichts wird mehr so sein wie vor dem schrecklichen Krieg: ,,Wir kommen aus Jarmuk“, berichtet Wael Alhindi — mittlerweile eine Geisterstadt, die zu 80 Prozent zerstört sei. Ruinen prägen das Stadtbild. Wer konnte, hat die Stadt verlassen Von den ehemals 500000 Einwohnern seien fast alle geflüchtet. Jetzt würden sich dort fast nur noch Kämpfer der Rebellen-Armee aufhalten, die sich blutige Gefechte mit Assads Soldaten liefern. ,,Wir hatten uns im Erdgeschoss unseres Hauses aufgehalten, als eine Rakete in die dritte Etage krachte“, berichtet die Familie. Ein Kriegstrauma, an dem die Kinder Layan und Hala bis heute leiden: ,,Lange Zeit konnten unsere Töchter nur bei Licht einschlafen“, berichtet Mutter Reem Abo Issa — aus Angst vor Bomben, Grana“ten und Gewehrschützen.

Einmal ins Erzählen gekommen, berichtet Wael Alhindi von den alltäglichen Gefahren, denen selbst Kinder in Syrien ausgesetzt sind: ,,Die meisten trauen sich gar nicht mehr auf die Straße. Aus Angst vor Snipern — Scharfschützen, die auf alles schießen, was sich bewegt. Die abenteuerliche Flucht aus Syrien über den Libanon, Ägypten und Italien nach Deutschland ist Wael Alhindi mit seiner Mutter, seiner Frau, den beiden Töchtern und seinen beiden Geschwistern geglückt. Jetzt hofft er, dass auch sein 60-jähriger Vater nachkommen kann, der zurzeit noch in Damaskus lebt. ,,Wenn die Familie wieder zusammen wäre — das wäre toll“, sagt auch Samer Al Hendy, der Cousin von Wael Alhindi, der seit 23 Jahren in Lüneburg lebt und nun Ansprechpartner für die Familie ist. Und der Lüneburger syrischer Abstammung hat für seine Verwandten auch gleich ein paar gute Ratschläge parat: ,,Keinen Müll auf die Straße werfen, die Gärten ordentlich halten und freundlich sein — das mögen die Deutschen…“