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Ein Lied, vielleicht eine Rose zum Abschied, ein Gebet. Nur noch selten nutzen Menschen das Angebot der Kirche für eine Aussegnung. Inge Reher hat es getan und ihren Mann aus der Klinik noch einmal nach Hause geholt.  Und sie sagt: Es war tieftraurig, aber wunderschön. Foto: t&w
Ein Lied, vielleicht eine Rose zum Abschied, ein Gebet. Nur noch selten nutzen Menschen das Angebot der Kirche für eine Aussegnung. Inge Reher hat es getan und ihren Mann aus der Klinik noch einmal nach Hause geholt. Und sie sagt: Es war tieftraurig, aber wunderschön. Foto: t&w

Der letzte Abschied

off Betzendorf/Embsen. Er stirbt an einem Spätsommertag im kalten Licht von Neonröhren. Die letzten Tage seines Lebens hat der 81 Jahre alte Karl Heinrich Reher hinter der Glasfassade einer Hamburger Klinik verbracht. 13. Stock, Linoleumboden, Geruch nach Desinfektionsmittel. Es war ein Ort für letzte Hoffnungen. Kein guter Ort zum Abschiednehmen. Noch in der Klinik entscheidet sich Inge Reher, ihren verstorbenen Mann nach Hause zu holen. Für die allerletzten gemeinsamen Stunden. An dem Ort, an dem sie ihr Leben geteilt haben.

Zuhause, das ist für Inge Reher ein winziges Dorf im Osten der Samtgemeinde Amelinghausen. Umgeben von Feldern, Wald und Himmel. Das Verabschieden der Toten im eigenen Haus hat hier in Familien noch Tradition. Fast immer mit Gottes Segen. Auch am Sarg von Karl Heinrich Reher stand nicht nur seine Familie, sondern auch Pastorin Andrea Mahlke. Seit sie und ihr Mann die Kirchengemeinden Embsen und Betzendorf übernommen haben, werben sie für die Aussegnungen. Nicht weil sie missionieren wollen. „Sondern weil wir glauben, die Hinterbliebenden damit stützen zu können.“

Doch was früher vor allem auf dem Land selbstverständlich war, ist 2014 in Vergessenheit geraten. Nur noch selten wird Andrea Mahlke um den Abschiedssegen gebeten, „vielleicht zwei, drei Mal im Jahr“, sagt sie. Wer in der Klinik stirbt, „wird kaum noch nach Hause geholt“. Wer daheim stirbt, „soll möglichst schnell abgeholt werden“. Der Tod hat immer weniger Platz unter den Lebenden. Eine Tendenz, die nicht nur Andrea Mahlke bedauert. Auch anderen geht es so, Pastoren, Bestattern, Steinmetzen, Ärzten, Krankenschwestern. Sie, für die das Sterben zum Alltag gehört, wissen, dass Rituale Halt geben können. Nicht nur, aber besonders am Ende eines Lebens.

Es ist Winter geworden, früher Abend, in der Küche des roten Backsteinhauses brennt Licht. Inge Reher und ihre Tochter Christiane sitzen am Tisch, erzählen und erinnern sich. Gemeinsam haben sie im August die Aussegnung erlebt, geweint, ein letztes Mal die Wange ihres verstorbenen Ehemanns und Vaters getreichelt. Kerzen haben gebrannt, Andrea Mahlke hat mit ihnen gebetet, sie haben gesungen. „Bewahre uns Gott, behüte uns Gott“, „Befiehl du deine Wege“. Tieftraurige Stunden. „Und doch ein wunderschöner Abschied“, sagt Christiane Rund.

Die 47-Jährige kannte das Abschiednehmen am offenen Sarg von dem Tod der Großmutter ihres Mannes. „Damals kam es mir befremdlich vor“, sagt die 47-Jährige. Bei ihrem Vater war alles anders. „Dieses Mal war es tröstlich, schön, ihn noch einmal berühren zu können, ihm den kleinen Engel von seinem Nachttisch mit zu geben, zu wissen, wie er im Sarg liegt.“ Karl Heinrich Reher war nicht einfach weg, verschwunden irgendwo in dem zwanzigstöckigen Glasbau in Hamburg Altona. Inge Reher sagt, sie musste ihn noch einmal nach Hause holen. „Sonst hätte ich das Gefühl gehabt, ihn abzuschieben.“

Sein Tod kam für die 79-Jährige nicht überraschend. „Mein Mann war schwer krank“, sagt sie, „wir wussten also, dass der Abschied kommen wird.“ Innerlich versuchte sie sich vorzubereiten, eines stand schnell fest: Sie wird Andrea Mahlke um eine Aussegnung bitten.

Inge Reher ist mit der Tradition groß geworden, war selbst bei vielen Aussegnungen im Familien- und Freundeskreis dabei. Für sie gehört der letzte Segen zum Sterben. „Das ist bei den meisten Menschen anders“, sagt Andrea Mahlke. „Viele wissen gar nicht mehr, dass es dieses Ritual gibt.“ Deswegen berichtet sie davon. Im Gemeindebrief, im Gottesdienst, „wann immer mich jemand danach fragt“.

Wenn sie doch einmal um den letzten Segen gebeten wird, dann meistens im Haus des Verstorbenen. „Grundsätzlich sind Aussegnungen aber auch im Krankenhaus, in einer Trauerhalle oder beim Bestatter möglich“, sagt sie. Auch Sterbenden steht sie bei, ebenso den Angehörigen, die einen geliebten Menschen auf seiner letzten Wegstrecke begleiten. „Ich will niemanden überreden, sich für eine Aussegnung zu entscheiden“, sagt sie. „Doch die Menschen sollen wissen, dass es diese Möglichkeit gibt.“

In dem roten Backsteinhaus ist es still. Inge Reher steht im großen Esszimmer des Hauses. In ihren Gedanken scheint vor den Fenstern die Sonne. Sie steht am Ende des Raumes und schaut ihrem Mann ein letztes Mal in das vertraute Gesicht. „Hier, in diesem Raum, haben wir uns verabschiedet“, sagt sie. Nach der Aussegnung hat das Bestattungsunternehmen ihren Mann abgeholt, den Sarg vorsichtig nach draußen gebracht, ins Auto geschoben, leise die Tür geschlossen. Ganz langsam ist der Wagen mit ihrem Mann davon gefahren. „Wir haben gewunken“, sagt Inge Reher. „Das war schön.“ Und wäre im 13. Stock der Klinik unvorstellbar gewesen.