Mittwoch , 28. September 2016
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Die Geschichte vom traurigen Soldaten

ca Lüneburg. Wäre es beim alten Relief geblieben, würde es vermutlich kaum Streit um das im Moment zur Reparatur verschickte Dragoner-Denkmal im Clamart-Park geben. Denn als der Stein im Herbst 1922 aufgestellt wurde, damals übrigens auf der Bastion, dem kleinen Park zwischen Ilmenau und Lösegraben, da zeigte er einen gebeugten Soldaten, einen Dragoner, der um seine im 1. Weltkrieg gefallenen Kameraden trauert. Doch bereits im wieder erwachenden Militarismus der Weimarer Republik und vor allem im Nationalsozialismus passten Demut und Trauer nicht mehr ins Weltbild. Der Vorsitzende des Dragoner 16-Traditionsverbandes, Seip, schreibt im Oktober 1937 an die Stadtverwaltung: „Der trauernde, abgesessene Reitersmann, der – den Helm in der Hand – trübselig zur Erde schaut, hat so gar nichts Heldisches, in eine starke deutsche Zukunft Schauendes.“ Ersatz soll her.

Peter Asmussen von der Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes (VVN) beschreibt den Wandel eines Denkmals und einem Stück Militarismus in der Heide. „Vom kriegsmüden Dragoner zum Verehrer Adolf Hitler – Zum Anteil des Lüneburger Dragoner-Traditionsvereins an der Vorbereitung des 2. Weltkrieges“ heißt die Broschüre, die jetzt für drei Euro im Böll-Haus an der Katzenstraße zu haben ist.

Es ist es sicher ein Blick aus dem linken politischen Spektrum auf die Geschichte, doch unabhängig davon: Die meisten, die sich damals für das Denkmal eingesetzt haben, waren sicher keine Anhänger von Demokratie und Völkerverständigung. Gleichwohl kommt Prof. Dr. Werner Preuß, der ein Buch über Lüneburger Denkmale geschrieben hat, zu einer anderen Sicht: Der Reiter vom Clamart-Park weise keine „Nazi-Ästhetik auf, trägt eine Friedensuniform“. Vielleicht habe sich die Kriegsbegeisterung in Lüneburg in Grenzen gehalten und die Form sei ein „Kompromiss“.

Davon ist beim Dragoner-Verband kaum etwas zu spüren. Die Broschüre zitiert Verbandschef Seip, der möchte „im Zeitalter Adolf Hitlers“ gemeinsam mit 17 Kameradschaften mit dem Stein eine neue Botschaft transportieren: „Die alten 16. Dragoner halten es für ihre heilige Verpflichtung, an die Stelle des Zeit- und Artfremden, Unsoldatischen und Kraftlosen etwas Arteigenes, Würdiges und Bleibendes zu setzen und dem alten ruhmreichen Regiment, sowie den Kameraden, die ihr Leben für das Vaterland dahingaben, ein neues Denkmal zu errichten.“ So kam nach der Überarbeitung eines Entwurfes später das Standbild des Reiters heraus, das wir heute kennen.

Der alte Platz an der Bastion passte weder dem Verband noch der Stadt: Am Schifferwall stand noch die Synagoge der jüdischen Gemeinde, die Juden galten als minderwertig. Dieses „Hindernis“ beseitigten die Nazis durch Verfolgung und Mord, zudem musste die Synagoge abgebrochen werden. Trotzdem gefiel der Park den neuen Herren nicht, denn der Standort lag zu weit von der Innenstadt entfernt, der heutige Clamart-Park wurde zum Standort auserkoren.

Das Heft zeigt, wie wenig der Traditionsverband, aber auch Kreise des konservativen Bürgertums von der Weimarer Republik hielten. Man agitierte gegen den sozialdemokratischen Regierungspräsidenten, verunglimpfte die schwarz-rot-goldene Fahne der Republik und suchte die Verbindung zu rechten Verbänden wie dem Stahlhelm und Organisationen der Nationalsozialisten. Auch nach dem verlorenen Zweiten Weltkrieg scheint mancher aus dem Traditionsverband der Dragoner den alten Geist nicht abgestreift zu haben und in der Demokratie angekommen zu sein. Denn das Soldatische und die Zeit der Wehrmacht war weiter in vielen Köpfen der Mitglieder des Verbandes zu Hause. Schließlich löste sich der Verband in den 80er-Jahren aufgrund altersbedingter Auszehrung auf.

Das alte Relief des kriegsmüden Soldaten, das wohl eher für die mörderische Wirklichkeit der Schlachtfelder und den Schmerz der Hinterbliebenen und der überlebenden Kameraden stand, existiert nicht mehr. In der Broschüre heißt es, der Verkehrsverein habe 1940 die Entfernung gefordert. Doch weder die Stadt noch der Dragonerverband wollten finanziell dafür aufkommen. Schließlich wurde das Denkmal am 26. Februar 1941 gesprengt, die Wehrmacht entsorgte den Bauschutt.