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Die gute Seele Kapstadts

mm Lüneburg. Ungezähmte Natur, wilde Tiere, traumhafte Strände – das ist die eine, die schöne Seite Südafrikas. Es gibt aber auch eine andere, die hässliche: Mord, Vergewaltigung und Drogenkriminalität sind in den Townships an der Tagesordnung. Townships sind die Armenviertel der dunkelhäutigen Bevölkerung, entstanden während der Apartheid. Dort leben die Ärmsten der Armen – und John Pass. Der 52-Jährige arbeitet als Sozialarbeiter in Mitchells‘ Plain, einem Armenviertel von Kapstadt. Er will den Straßenkindern eine Perspektive geben. Er betreut sie in ihrem alltäglichen Leben, sorgt dafür, dass sie zur Schule gehen. Hilfe zur Selbsthilfe ist sein Credo.

Die Arbeit unterstützt der „Freundeskreis Light the Way, Kapstadt, Südafrika e.V.“ – ein Zusammenschluss von Mitgliedern des „Lüneburger Chores für freie Kreisgesänge, Lieder des Herzens, Heilung und Stille“. Sie mühen sich um Spenden, um Pass seinen Lebensunterhalt mit 1000 Euro im Monat zu finanzieren. Oft besuchten sie den Sozialarbeiter schon in Südafrika. Vier Wochen ist er jetzt schon in der Lüneburger Region auf Tour, um für sein Projekt zu werben. Am Sonnabend, 14. September, ist er von 14.30 bis 18 Uhr beim „Weltladentag“ in Handorf dabei. Dienstag, 17., geht sein Flieger zurück in die Heimat.

Von seinem Leben im Township berichtete er auch an der Leuphana. „Bruder John, komm‘ zu unserem Haus“, hallt es Pass entgegen, wenn er auf den Straßen von Mitchells‘ Plain unterwegs ist. Pass hilft allen jungen Menschen im Viertel: „Wir lassen niemanden von denen, die zu uns kommen, auf der Strecke. Auch dann nicht, wenn jemand einen Mord begangen hat“, beschreibt Pass den eigenen Anspruch. Warum Jugendliche kriminell werden? Schuld daran seien die Drogen – selbst hergestelltes Chrystal Meth zerstöre alles. Die Jugendlichen gerieten oft unverschuldet in den Abwärtsstrudel. Einmal gefangen, geht es nur noch nach unten. Schon Neunjährige bekämen Drogen verabreicht, die in Lollys versteckt seien. Erst Drogen, dann Prostitution oder der erste Mord. Familien reißt der Teufelskreis auseinander.

Die Schuld sieht Pass bei der Regierung: „Es wird Korruption vorgelebt, die Menschen werden mit ihren Problemen allein gelassen.“ Der Theologe ist jemand, der sich auflehnt und für das Gute kämpft. Manchmal sogar mit mehr als Worten. „Wenn jemand mal wieder zu Unrecht festgehalten und schikaniert wird, gehe ich hin und helfe ihm.“ Dann kann der friedfertige Bruder John auch aufgrund seiner Statur sehr bestimmend wirken.

Pass wohnt mit Frau, Tochter und Enkel in einer Hütte im Viertel. An die Behausung schließt ein Klassenzimmer an, wo Kinder und Jugendliche hinkommen, Hilfe bei ihren Schularbeiten erhalten, essen und spielen können. Das Spielen liegt Pass sehr am Herzen. „Manchmal bin ich selber noch ein Kind.“ Mit seiner Arbeit will er Jugendlichen ihre Hoffnungen bewahren. „Hoffnung ist das einzige, was du hast, wenn du arm bist und hier lebst.“

Pass weiß genau, was es heißt, nichts zu haben. Geboren und aufgewachsen im Kapstädter Armenviertel, brach er mit 14 die Schule ab. „Ich hatte damals die Wahl und habe mich falsch entschieden.“ Er geriet auf die schiefe Bahn, sein Vater stellte ihm eine Bedingung: Entweder er beende seine kriminellen Aktivitäten oder er müsse das Haus verlassen. Pass entschied sich für ein Leben auf der Straße. Mit 26 sei er zur Vernunft gekommen, er ging auf eine Bibelschule. Das Theologiestudium habe ihm die Augen geöffnet. Als Sozialarbeiter ist er in Mitchells‘ Plain nun seit gut 25 Jahren im Einsatz.

2003 kam Pass mit dem Caritas-Verband erstmals nach Deutschland und seither fast jedes Jahr. Er sei immer wieder über die Griesgrämigkeit mancher Deutscher erstaunt: „Warum wird hier so wenig gelächelt?“ Er freue sich aber stets, auch dank Anke Lichte, Initiatorin des Freundeskreises „Light the Way“: „Die Zusammenarbeit ist ein Privileg.“ Durch Spenden, die der Verein generierte, war es auch möglich, ein kleines Haus zu kaufen, das den Kindern und Jugendlichen im Township als Anlaufstelle dient. Pass bekommt ein monatliches Gehalt, von dem er einen Teil für die Lebensmittelbeschaffung an die Straßenkinder weitergibt. 1000 Euro im Monat reichten zum Überleben seiner Familie, sagt Pass. Auf einen Lottogewinn hoffen, das könne man natürlich immer.